Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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dem Museum des Freiherrn von Ludwigstorff in Deutsch-Altenburg
befinden, nimmt ein kleines Fragment von Kalkstein, 0"61 br., 0'31 h.,
0*16 d., das am 24. September südlich von dem oben beschriebenen
Raum zum Vorschein gekommen ist, ein besonderes Interesse in
Anspruch :

Die in der ersten Zeile sichere Ergänzung cen]sor und der
Titel Aug{usti) ßilius) in Z. 2 lassen keinen Zweifel darüber, dass
wir hier eine Inschrift des Vespasianus und Titus aus dem fünften
Consulate des Letzteren, d. h. aus dem Jahre 7G n. Chr. vor uns
haben. Es ist dies demnach die älteste datirbare Inschrift, die bis
jetzt in Carnuntum zum Vorschein gekommen ist; dieselbe bietet
eine schöne Bestätigung der auf der Erwähnung bei Plinius (n. h.
4, 12, 80) fussenden Annahme Mommsens (Corp. III p. 550), dass
bereits Vespasianus das Lager von Poetovio nach Carnuntum ver-
legt habe. Der zerstörte Anfang der Inschrift wird, wenn Vespasians
Titel vollständig aufgeführt waren, etwa folgendermassen gelautet
haben: Imp. Caesar Vespasianus Aug. pont. max. trib. pot. VII (oder
VIII) imp. XVII (oder XVIII) p. p. cos. VII (respect. design, VIII)
cenSOR.

Schwierigkeit macht dagegen die Ergänzung der letzten Zeile,
die unzweifelhaft auf Titus, nicht etwa auf Domitianus ergänzt werden
muss. Da kein Anlass zu der Annahme vorliegt, dass die Inschrift
unvollendet geblieben und eine nach d]esig(natus) zu erwartende
Ziffer daher fehle, muss man entweder die Fassung der Inschrift
einer sehr fehlerhaften Concipirung zuschreiben oder auf die Be-
ziehung der Designation auf das Consulat verzichten.

Mommsen, dem ich das interessante Fragment mittheilte, ist
der erstem Ansicht; „offenbar haben wir hier", schreibt er mir,
„nichts als eine schlecht stilisirte castrensische Kaiserinschrift ge-
wöhnlicher Art; wie wenig der Concipient seine Sache verstand,
zeigt, dass er bei Titus das Consulat voranstellte, gegen alle Ord-
nung. Vermuthlich schrieb er etwa: [T. Caesar Vespasianus] Aug.
f. cos. V [imp. VII pont. tr. pr. V (resp. VI) censor cos. VI d]esig.,
so dass er die Designation nachtrug und die Zahl falsch stellte.
Sie wissen, wie oft die Consulardesignation in der Titulatur der
Flavier auftritt." Hält man dagegen eine so fehlerhafte Concipirung
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