Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

Seite: 195
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wahrscheinlicher. Quer über den Scheitel läuft eine tiefe Einkerbung'. — Gekauft
in Eom.

Die Gestalt ruhte auf beiden Füssen, der 1. Fuss war etwas vorgeschoben.
Die r. Hand ist aufgebogen und hält eine dicke Knospe in der Nähe des Kinnes,
die L., bis zum Ellbogen an den Leib angelegt, dann vorgestreckt, hält nach aussen
zwischen den festgeschlossenen Fingern ein gleiches Attribut, deren Stengel aber
gegenwärtig verkrümmt ist. Das Haar ist einfach zurückgestrichen, zwei Flechten
hängen auf die Schultern herab, die Masse des Haares fällt über den Nacken und
ist dann durch ein Band zu einem dicken Zopf zusammengenommen. (Von Flasch,
zum Parthenonfries S. 54, mit zweifelhaftem Eecht für eine Haartracht der Jung-
frauen erklärt.) Um den Hals liegt ein einfacher Bronzering, vorne mit einem ovalen
Medaillon.

Soweit zeigt sich, mit Ausnahme der Haartracht, vollkommene Uebereinstim-
mung; sogar der Halsschmuck, welcher bei Nr. 52 durch eine ciselirte Vertiefung
vorgezeichnet ist, ist bei der Dresdener Figur in derselben Form wirklich vorhanden,
so dass ich nicht anstehe, auch der Trau'schen Statuette eine Blume oder Knospe
in die ganz gleich gehaltene L. zu geben.

Die Figur aus Dresden ist etwas kleiner als die Wiener (Höhe der Dresdener
vom Knie bis Scheitel O102 gegen 0126 der Trau'schen), doch lehren die oben
angegebenen Zahlen und zeigt der Augenschein, dass der Kopf bei derselben grösser,
die Verhältnisse bedeutend gedrungener sind, als bei Nr. 52. Auch dort sind die
Brüste wenig entwickelt, alle übrigen Formen aber sind rundlicher, die Arme, be-
sonders die Schenkel fleischiger; die reliefartige Behandlung der Seiten, welche wir
bei Nr. 52 hervorhoben, ist grösserer statuarischer Eundung gewichen. — Wie in den
Verhältnissen, so sind auch in der technischen Behandlung Unterschiede erkennbar.
Die Wiener Statuette ist grob gegossen und mit dem Ciselireisen fertig gestellt (vgl.
Wieseler zu Denkm. d. a. K. I, 9, 32 S. 6), während die Dresdener, wie die wenigen
intacten Stellen der Oberfläche zeigen, im Wesentlichen vollendet aus der Gussform
hervorgegangen ist.

Endlich war die Verwendung der beiden Figuren eine verschiedene. Nr. 52
ist ein in sich abgeschlossenes kleines Monument, wahrscheinlich ein Weihgeschenk;
die Dresdener Figur dagegen war, mag nun am 1. Arm ein Ansatz anzunehmen
sein oder nicht, wie mir der tiefe, quer über den Scheitel laufende Einschnitt zu
beweisen scheint, zum Halten eines Spiegels oder zu ähnlichem Gebrauche be-
stimmt.

C. Aldenhoven {Ann. d. inst. 1869 p. 104 ff. vgl. p. 121) hat bei der Be-
sprechung einer archaischen Statue der Villa Albani (mon. ined. IX taf. III) ein-
gehend von der ausgedehnten Verwendung des altheiligen griechischen Typus der
bekleideten Aphrodite zu den Zwecken etruskischer Kleinkunst gehandelt. Hier
liegt ein ähnlicher Fall vor. Denn einestheils ist es gewiss, dass die Trau'sche
Bronze griechische Arbeit ist und zwar aus jener Zeit stammt, da im Suchen nach
kanonischen Proportionen ein Schwanken zwischen zu gedrungenen und überschlanken
Verhältnissen herrschte, andemtheils gibt sich die Dresdener Figur als etruskische
Umbildung desselben Typus zu erkennen, gearbeitet mit jener Sicherheit in der
Behandlung archaischer Formen und jener technischen Vollendung, welche das
tyrrhenische Erz bei Griechen und Kömern so geschätzt machten. Die Provenienz-
angaben, welche das einemal in Rom, das anderemal in Constantinopel enden, wider-
sprechen dieser Aufstellung nicht.
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