Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

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aufstützt, während die erhobene linke Hand die Falten des auf den
Hinterkopf aufgelegten Obergewandes anfasst und zurücknimmt.
Der Kopf ist vorwärts geneigt; sie schaut trüben Blicks auf Eros
herab, der, zu ihr aufblickend, sich zwischen ihre Kniee gedrängt
hat. Sie hat ihre rechte Hand, zwischen Kopf und Flügel des Eros
herab schwer und fest auf seine rechte Schulter gelegt. Eros fasst
diese Hand, den rechten Arm aufbiegend, mit der seinen am Hand-
gelenk; sein erhobener linker Arm legt sich an den rechten Arm
der Frau an und die Hand fasst sie durch das schleierartig vom
Kopf herabwallende Gewand hindurch an der Schulter. In den
attisch edlen schönen Formen bebt eine stille unentfliehbare Leiden-
schaft; wie eine Phädra erscheint die Frau oder wen sonst der Zorn
der Göttin schlug. Während hier die Gewalt des Eros — der nach
dem Ausdruck der Sappho die Sinne schüttelt wie der Sturm im
Gebirg in die Eichen fährt — sich so mächtig ausspricht, ist weit
öfter ein mehr tändelndes und spielendes Motiv gewählt. In einer
schönen tanagräischen Terracottagruppe13) ist einem völlig beklei-
deten sitzenden Mädchen ein sehr kleiner Eros zugeflogen und sitzt
auf ihrem Schooss; sie umfasst ihn mit der linken Hand, wie ein
kleines Kind, das der Hilfe bedarf, und hält mit der rechten die
grosse Spindel, nach der das Knäbchen ängstlich herübersieht, zur
Seite; ähnlich sitzt auf einem Vasenbild u) ein grösserer Eros der
Helena auf dem Schoosse, der Paris gegenübersteht. In Terracotta
kommt die Figur eines stehenden, völlig bekleideten Mädchens vor,
deren gebogener rechter Arm im Gewand steckt, während die ge-
senkte linke Hand das Gewand in der Höhe des Gürtels hält. In
die Höhlung zwischen diesem linken Arm und dem Körper hat sich
ein kleiner Eros hineingeschmiegt, mit den Füsschen über dem Hand-
gelenk des Mädchens, den Kopf ein wenig unterhalb ihrer Schulter;
mit der erhobenen rechten Hand fasst er in ihr Gewand vorn am
Hals15). Aehnliches wird sich auch sonst nachweisen lassen. Aber
ich weiss kein sicheres Beispiel dafür anzugeben, dass Eros gerade
in der Weise, wie wir es bei Paris fanden und wie es in der Gruppe
der Sammlung Modena wiederkehrt, einer andern Frau als Aphrodite
zugesellt wäre. Das kann Zufall sein. Aber vielleicht ist auch der
Umstand, dass man gewöhnt war Eros so oder ähnlich neben Aphro-

1S) Wieseler Göttinger Abhandl. XIX (Bericht über eine Reise nach Griechen-
land) S. 64, 95 ff. Der Kopf der Frau ist nicht zugehörig. — Vergl. die Gruppe
der Sammlung Lecuyer Gazette des beaux arts XVIII 1878 S. 353.

u) Overbeck Gall. her. Bildw. Taf. XII, 8.

15) Panofka Terracotten des kgl. Museums zu Berlin. Taf. XXII.
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