Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

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eine künstlerische That hohen Ranges. Für die Epoche des Arke-
silaos könnte man die ähnliche Manier der Gewandbehandlung in
der auf Orest und Elektra gedeuteten Neapler Gruppe, welche ich
der Schule des Pasiteles zugeschrieben habe, anführen wollen. Aber
trotz der Verwandtschaft ist der Geschmack und auch der Geschmack
in der Behandlung des Gewandes nicht der gleiche. Die Gestalt
der Venus ist weniger peinlich und steif; Stellung und Haltung sind
bei aller raffinirten Eleganz freier, lässiger und bewegter, und die
Führung der Hauptconturen zeigt diejenige Art eines sicheren ge-
haltenen Schwunges, wie sie, wenn ich recht vermuthe, seit Lysippos
und Apelles in der griechischen Kunst zur Geltung gekommen54),
aber gerade in der Neapler Gruppe und den verwandten Werken
nicht befolgt ist. Danach und nach dem schönen Kopftypus möchte
ich wenigstens die erste Erfindung des Motivs in frühere Zeit setzen.
Bereits bei der liegenden Figur der berühmten Frauengruppe des
Ostgiebels des Parthenon ist die Verwendung des nass zurechtge-
legten Gewandes am Leib zu erkennen; sie ist auffällig bei der
Sandalenbinderin und anderen Niken von der Balustrade des Tempels
der Athena Nike und an der diesen nah verwandten aber weniger
feinen Nike des Paeonios, und wie durchscheinend ist das Gewand
einer der Figuren vom Friese des Erechtheion55). Das Reizmittel
einer Gewandbehandlung, welche die Körperformen fast wie durch-
scheinend verfolgen lässt, wird auch die Plastik der alexandrinischen
Epoche nicht verschmäht, sondern ausgebildet haben. Aber gerade
diejenige Art der Gewandbehandlung, wie sie die in Rede stehenden
Statuen zeigen, wird man vielleicht zunächst Bedenken tragen, in
diese Zeit zu setzen und den Typus in der vorliegenden Durch-
führung erst der Kaiserzeit zuschreiben wollen, in der er, wie die
Menge der Repliken zeigt, so viel Beifall fand. Als Münzbild
erscheint er zuerst auf den Münzen der Sabina, gerade als ob
er damals als Modetypus neu aufgekommen wäre, dann auf den
Münzen der älteren und der jüngeren Faustina mit den Beischriften
Veneri Augustae, Veneri Genetrici und Venus56); der Name der
Genetrix ist auf den Münzen nicht nur diesem Typus, sondern wie
sich bereits gezeigt hat, mit besserem Recht der Venus Viärix auf

54) Um deutlich zu machen, was ich meine, erinnere ich beispielsweise an
die Artemis von Versailles, den sog. Narciss aus Pompeji.

55) Heibig Untersuchungen S. 35 vergleicht eine Figur des sog. Nereiden
monuments.

56) Cohen Md. imptr. II S. 452, 278 ff. S, 587, 88. S. 000, 232 ff.
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