Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

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Annali 1867 entwickelt —, dass die jüngeren Meister nur die alte
Gruppe', das Wahrzeichen der Freiheit, wiederhergestellt hätten,
aber im Stile ihrer Zeit. Gewiss ist aber auch dies nicht. Es
fragt sich also, ob unsere Copien solche Unterschiede im Stil, in
der Bewegung der einzelnen Figuren, endlich in ihrer Zusammen-
stellung aufweisen, die nur aus einem verschiedenen Vorbild sich
erklären lassen.

Unterschiede des Stils lassen die kleineren Copien a—d natür-
lich nicht wahrnehmen, ebensowenig in Haltung und Bewegung jeder
Figur für sich. Die Lekythos e zeigt dagegen ein alterthümlicheres
Gepräge in der Zeichnung der Figuren und besonders bemerkens-
werth scheint mir die Haartracht des Aristogeiton mit den langen
Locken, sowie die abweichende Anordnung des Gewandes über dem
1. Arm, welche der bei verfolgenden Männern in archaischen Dar-
stellungen, wie bei Zeus, Poseidon, Apollon, so häufigen shawl-
artigen Tracht des Himation ähnelt, nur dass dieses hier nicht auch
über den andern Arm hängend erscheint, endlich, wenn man ihn
annehmen darf der Zopf des Harinodios, die Bekränzung beider.
Aber diese Copie ist ja nicht in allen anderen Stücken so treu*),
dass es geboten wäre, auch jene Züge aus dem Original herzuleiten
statt aus archaischer Gewohnheit eines Gefässmalers. Haltung und
Bewegung jeder Figur für sich weicht von den übrigen Zeugen nicht
bemerkenswerth ab. Einen greifbaren Stilunterschied glaubte Benn-
dorf a. O. zwischen den Florentiner B und Neapler A Statuen zu
constatiren, während er die Bewegungsmotive der einzelnen Figuren im
Wesentlichen übereinkommend fand, und die Composition der Gruppe
ja nicht mit überliefert ist. Der wahrgenommene Fortschritt von B
gegen A nöthigte ihn, jene auf die ältere, diese auf die jüngere Original-
gruppe zurückzuführen, ein Schluss, den Kekule, das akademische
Kunstmuseum in Bonn 1872 S. 7 angenommen hat, und der in der
That von grosser Bedeutung wäre. Das von Overbeck Verhandl. d.
27. Versamml. deutsch. Philol. u. Schulm. S. 39, aber nicht von Heibig
Annali 1866, 239, 3 getheilte Bedenken, dass der Stil der Neapler
Figuren zu entwickelt sei, um das Original derselben an dreissig
Jahre vor den Aigineten, an fünfzig vor den Parthenonmetopen

*) Ich erwähne das doppelte Wehrgehänge des Aristogeiton und die Vertau-
schung der Seiten bei Harmodios, die sich vielleicht auch anders erklärt, als oben
angenommen: das Schema war gegeben, aber der Brauch der älteren Gefässmalerei
kannte keine von hinten gesehenen Figuren, also gab er ihm das Schwert in die
Linke.
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