Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

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entstanden zu glauben, dies Bedenken müsste der Thatsache gegen-
über schweigen. Aber die Thatsache scheint mir nicht festzustehen.
Freilich Dütschke's Ausführungen in der Archäol. Zeitung 1874, 163
und Antike Bildwerke in Oberitalien II, 38 kann ich nicht in
allen Stücken gutheissen: den „Aristogeiton" wird man wegen der
Ergänzungen und wegen der stilistischen Behandlung, besonders der
pubes nach Dütschke's eigenen Angaben, nicht für eine moderne
Arbeit halten dürfen und die Uebereinstimmung der alten Theile
mit dem Neapler Aristogeiton scheint in der That ausreichend. Aber
Benndorfs Schluss gründet sich wesentlich auf die andere Figur,
und zwar besonders deren Kopf. Giebt man nun auch dessen Zu-
gehörigkeit zum Rumpfe zu, so zeigen sich doch in beiden Stücken
Abweichungen von dem Neapler Harmodios, wie sie bei dem Werke
des Kritios und Nesiotes selbst dann nicht erklärlich wären, wenn
man diesen auch grössere Freiheit gegenüber der älteren, zu er-
setzenden Gruppe zugestände, als Benndorf ihnen zugesteht. Der
Florentiner Torso verglichen mit dem Neapler in gleicher Ansicht,
hat nicht die energische Hebung des rechten Armes, stellt auch das
1. Bein anders, und der Kopf neigt sich nicht wie bei dem Neapler
gegen die linke sondern gegen die rechte Seite seines Halses. So
seltsam der Zufall scheinen mag, durch den hier einem Aristogeiton
nicht ein Harmodios, aber ein doch immerhin ähnlich bewegter Jüng-
ling zum Begleiter gegeben wurde, kann ich diesen doch nicht für
den ursprünglich zu jenem gehörigen Harmodios halten, zumal
Dütschke aufs bestimmteste eine durchaus abweichende Behandlung
der pubes an beiden behauptet. So sind wir ganz und gar auf die
Unterschiede der Gruppirung in den Copien a—e angewiesen. Dass
die verschiedenen Formen der Gruppe sich leicht auf zwei zurück-
führen lassen, indem bcc*d den Aristogeiton vorstellen, ae dagegen
den Harmodios, a ein wenig, e bedeutend, das könnte leicht ver-
führen, jede Form aus einer andern der beiden Originalgruppen
herzuleiten. Indessen da die Voranstellung des einen oder anderen
je nur bei einerlei Aufnahme der Gruppe sich findet, nämlich bei
Aufnahme von der rechten Seite der Gruppe her Aristogeiton, bei
Aufnahme von ihrer linken Seite her Harmodios, so ist hier offen-
bar der bekannte Brauch zeichnender Darstellung wirksam gewesen,
wonach die tiefer im Grund befindlichen Theile sich vorschieben,
um sichtbar zu werden. Und da ja die gesammten Bewegungs-
motive beider Figuren für sich genommen in allen Copien so gut
wie identisch sind, wird man eine so wesentlich verschiedene Zu-
sammenstellung dieser an sich gleichen Figuren kaum glaublich
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