Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

Seite: 82
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Jede der beiden Figuren für sich ist reliefartig, d. h. für Seiten-
ansicht berechnet, und zwar von beiden Seiten her gesehen zu
werden. Sie werden also auch wohl zusammengestellt nur dann
beide zugleich, je einer in der Vorder-, der andere in der Rücken-
ansicht den richtigen Eindruck machen, wenn man sie parallel stellt.
Die Frontansicht ist dagegen auch bei Overbeck's Keilstellung wenig
befriedigend und erfüllt die von ihm a. O. S. 42 gestellte Forderung
ungleich weniger als jede der beiden Seitenansichten. Zudem würden
die Freunde bei der Keilstellung zwar auf ein Ziel hin aber nicht
von einem Ausgang her stürmend erscheinen, und mit der, wie wir
sehen werden, nothwendigen Voranstellung des Harmodios verträgt
sich die Keilstellung erst recht nicht.

Am Ostabhang des Areshügels aufgestellt, gegen Osten blickend,
wie Koehler im Hermes VI, 100 mit Recht anzunehmen scheint, bot
die Gruppe, isoliert wie sie war und weithin sichtbar, gewiss vor-
züglich nach beiden Seiten hin sich den Blicken dar, sowohl den
vom Kerameikos her zu Markt und Burg hinaufgehenden, als auch
den von der Burg herabsteigenden. Augenscheinlich ist, namentlich
wenn man auch bei den Standbildern das Verhältniss zum Pan-
athenäenzug in's Auge fasst, jenes die erste, dies die zweite Ansicht
und darum, wie mir scheint, nach jener Seite, gegen Norden Har-
modios gestellt, der stets, wie namentlich in den Skolien voran ge-
nannt wird oder gar allein, gewiss deshalb, weil er der Jüngere,
der eigentliche Urheber der That und der eigentliche Märtyrer war,
da er nach Thukydides auf der Stelle seinen Tod fand. Eben
darum geben wohl auch von den fünf Copien, welche, wie oben ge-
sagt, sich enger an die Gruppe halten, drei b c d die Gruppe von
Norden her gesehen, trotzdem die Bewegung so linkshin geht, wäh-
rend auf der einen Lehne des Thrones, welcher die vierte a trägt,
ja die Darstellung von der anderen Seite geboten war und in der
freieren Darstellung der Lekythos natürlich die Vorliebe für rechts-
hin gehende Bewegung (vgl. Loeschcke in der Archaeol. Zeit. 1876)
bestimmend war. Vielleicht darf man auch umgekehrt folgern, dass
jene vier Copien b e c* d schon darum, weil sie gegen die vorherr-
schende Neigung die Gruppe mit linkshingehender Bewegung zeigen,
grösseres Vertrauen verdienen*). Eben sie stellen nun den Aristo-

*) Auch die Marke c* giebt die Gruppe linkshin bewegt, also in der Nord-
ansicht, doch nur im oberen Theile, während in dem unteren, welcher nur im
Spiegel oder von der Rückseite der Tafel her gegen das Licht gesehen richtig er-
scheint, die Südansicht sich bietet: dem Stempelschneider schob sich hier statt der
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