Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

Seite: 83
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geiton voraus und zu dem Uebergewicht, welches diese vier so genau
übereinstimmenden und doch von einander unabhängigen Zeugen
gegenüber den zwei erheblich differirenden beanspruchen dürfen,
kommen innere Gründe.

Denn dass von den drei möglichen Zusammenstellungen: Har-
modios vor, oder beide gleich, oder Aristogeiton vor, nur die letzt-
genannte eine nach beiden Seiten hin befriedigende Ansicht gewährt,
davon überzeugt man sich leicht, wenn man jede Figur nach einer
der Abbildungen baust, ausschneidet und so alle drei Stellungen
probiert. Standen nämlich beide Freunde gleich weit vor, so sah
man von beiden Seiten her je nur eine Gestalt. Die feinen Nuancen
in Beider Bewegung kamen gegen die Uebereinstimmung im Grossen
nicht auf, dienten höchstens, den Umriss auch der einen zunächst
sichtbaren zu trüben: besonders störend mussten die vier oder drei
sichtbaren Arme bei einer Figur wirken. Stand Harmodios vor,
wie ja die herrschende Meinung ist, so wurde in jeder Ansicht einer
von dem andern durchschnitten: Harmodios in der Südansicht durch
Aristogeitons vorgestreckten Arm mit der Chlamys in ein oberes
und ein unteres Stück zertheilt -— man sehe nur a —; dagegen
schnitt in der Nordansicht Harmodios' Gestalt die vorgestreckte
Hand des Aristogeiton von dessen Rumpf; beidemale würden sich
die Gestalten doch nicht in der wünschenswerthen Weise von ein-
ander abheben, namentlich in dem vorderen Contur nicht, in welchem
doch vorzüglich die Individualisierung der Beiden liegt. Endlich
hatte die Gruppe so von beiden Seiten die unangenehme Form eines
rechtwinkligen Dreiecks. Stand dagegen, wie es die Copien bcc*d
lehren, Aristogeiton voran, so sah man von jeder Seite jeden der
Beiden im Wesentlichen unverdeckt, sah so durch den jetzt zur
Geltung kommenden vorgehaltenen Arm des Aristogeiton einen
schönen pyramidalen Aufbau, dessen Spitze Harmodios' zum Streich
gehobener Arm bildete, der Unterarm gewiss (vgl. a b d e) etwas
mehr zurückgebogen als an der Neapler Figur ergänzt ist. War
dem Harmodios durch das Zurückstehen etwas genommen, es wurde
ihm so reichlich zurückgegeben.

Das Zurückstehen des Harmodios ist aber keineswegs nur die
Folge äusserer Rücksicht auf gutes Arrangement der Gruppe, es
ist vielmehr durch die verschiedene Bewegung der Freunde selbst

umgekehrten Nordansicht die ihr so ähnliche richtige {Südansicht unter. Liegt aber
nicht darin ein Beweis, dass die Freunde in eben dieser Stellung von beiden Seiten
her gesehen wurden?
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