Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

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gefordert: das energische Vordringen des einen zum Stoss, durch
den vorgestreckten Arm besonders markirt, bedingt eben so sehr
sein Vortreten, wie das gewaltige Heben des Armes, ja des ganzen
Oberkörpers, das Zurückbleiben des Harmodios. Dies Auseinander-
weichen der Oberkörper giebt, wie mir scheint, einen deutlichen
Fingerzeig: es ist zu schwach, um bei Gleichstellung Beider zu
wirken, aber stark genug, um bei Voranstellung des Harmodios die
Wirkung derselben abzuschwächen, dagegen bei Voranstellung des
Aristogeiton die Wirkung zu verstärken.

Die Verschiedenheit der Bewegung hat aber wieder ihren Grund
in dem Wesen der Personen, nach dem was Thukydides darüber
berichtet: das entschlossene, sichere und gedeckte Vordringen cha-
rakterisiert eben so sehr den erfahrenen Mann, wie der leidenschaft-
liche, eigener Sicherheit gänzlich vergessende Ungestüm den Jüng-
ling. Denn vergleicht man die vielen ähnlich wie Aristogeiton mit
vorgehaltenem Gewand Angreifenden in griechischer Kunst, so kann
man die Meinung nicht gutheissen, dass Aristogeiton nicht zu seinem,
sondern nur zu seines Geliebten Schutz die Chlamys vorstrecke: nichts
in seiner Haltung spricht dafür. Auch glaube ich, dass die von
Thukydides berichtete Thatsache, Harmodios sei auf der Stelle nach
der That umgekommen, sich besser aus jener Verschiedenheit des
Charakters erklärt, als daraus, dass Harmodios es eigentlich ge-
wesen, der den Hipparchos erschlug. Thukydides wenigstens sagt
an derselben Stelle 6, 57, 3 Kai djg av jadXicrra bi dpjr\c, 6 uev epw-
TiKfjg, 6 oe ußpicruevog eruTrrov Kai ditOKTeivoucriv autöv, also mit
Voranstellung des Aristogeiton, wie er auch 6, 56, 2 dem Aristogeiton
das heftigere Racheverlangen beilegt x°^eTTUJg be evexKÖvrog toö cAp-
uobiou, ttoXXuj be uäXXov bi eKeTvov icai 6 'ApicrroYeiruiv TrapuiHuveio.
Solches war ja auch das Verhältniss des epaö"nf)g zum epuuuevog,
und Aristogeiton hätte kein rechter epacrtrig sein müssen, hätte er
nicht sich vorgedrängt zur That, hätte er sich, wie Friederichs will,
den Secundanten zu machen begnügt.

Erst bei der Voranstellung des Aristogeiton kommt, wie ich
meine alles zu seinem Recht, erst so werden wir gewahr, wie viel
diese Gruppe an Idealität, an geistigem Gehalt, an Schwung der
Bewegung und Feinheit der Composition vor den Aigineten vor-
aus hat.

Dem Aristogeiton ähnliche Figuren finden sich auf Vasen ja
nicht selten; eine auch stilverwandte hat namentlich Benndorf Arch.
Zeit. 1870 T. 24 bekannt gemacht, aber wohl mit Recht den Zweifel
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