Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

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lebens, wie es in den Erzeugnissen der Kunstindustrie und des
Handwerks für den religiösen und Todtencult, für Krieg und täg-
liches Leben zum Ausdruck kommt. In Folgendem sollen die
bedeutenderen diesbezüglichen Objecte, die in den letzten drei
Jahren erworben wurden, aufgeführt werden, anschliessend an meinen
Bericht über die Erwerbungen i. J. 1875 im I. Bande des Reper-
toriums für Kunstwissenschaft, S. 104.

1. Apollon, Bronzefigur von 12'5 Ctm. Höhe, sehr wohl erhalten,
aus Athen. Die Figur zeigt alle die bekannten Merkmale des
archaischen Styles: gemessene Haltung, parallele Stellung der mit
der ganzen Sohle auftretenden Füsse, von denen der linke etwas
vorgesetzt ist, gedrungene Proportionen, eckige Schultern, kurze
Arme, breite, vorspringende Brust, schmächtigen, kurzen Leib, ein-
gebogenen Rücken, kleines, stark markirtes Gresäss, breite, an die
alte Relief behandlung erinnernde Schenkel, scharf abgegrenzte Waden-
muskel, kleine Kniescheiben und scharfe Schienbeine. Auch der
Kopf stimmt hiemit überein mit seiner niedrigen, zurückliegenden
Stirn, spitzen Nase, dem an den Winkeln hinaufgezogenen Munde,
kleinem, stark vortretenden Kinn und den grossen, glotzigen Augen,
deren Sterne auffallender Weise plastisch, durch erhobene Punkte
markirt erscheinen; die hochsitzenden, platten Ohren stehen weit
zurück. Das überreiche Haar bedeckt wie eine Haube das Haupt;
über die Stirne bilden die Löckchen oder Zöpfchen eine Art Diadem,
auf dem Rücken fallen die Haare in breiter Masse, auf jede Schulter
ganz regelmässig in zwei Strähnen herab. Der rechte Arm ist recht-
winklig gebogen, die vorgestreckte, vertical gestellte Hand scheint
nichts gehalten zu haben; dagegen hielt die am Leibe herabhängende,
an den Schenkel angelegte geschlossene linke Hand, wie aus der
runden Bohrung hervorgeht, ein Attribut, vielleicht einen Bogen oder
einen Lorbeerzweig.

Die Stellung, offenbar eine conventionelle, stimmt vollständig
mit der des didymaeischen Apoll im Louvre (in guter Abbildung
bei Rayet et Thomas, Milet et le golf latmique, pl. 29) überein,
die Haltung der Hände ist jedoch verschieden und der Kopf viel
schärfer im Charakter des alterthümlichen Typus.

Was die kunstgeschichtliche Stellung der Statuette anbelangt,
so gehört sie wohl nicht mehr der alten Zeit an, welche diesen
Typus als ihr eigenthümlich schuf, sondern einer etwas vorgerückteren,
in welcher die Grosskunst schon in einem freieren, naturgemässeren
Style arbeitete, während die Werke der Kleinkunst, insbesondere
bei Sacralfiguren, noch in dem conventioneilen und traditionellen
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