Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 3.1879

Seite: 189
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Heraklesstatuetten

(Taf. V VII VIII)

Dem freundschaftlichen Interesse William Unger's danke ich
eine Zierde dieser Blätter, welche Tafel V darbietet. Das mit ge-
wohnter Meisterschaft radirte Blatt reproducirt in zAvei Ansichten
eine Bronzestatuette, welche zu den schönsten Stücken der Antiken-
sammlung des Herrn Fr. Trau in Wien gehört. Sie stammt aus
dem Orient, angeblich aus Constantinopel, und ist bei ihrer unge-
wöhnlichen Kleinheit — die Höhe bis zum Scheitel beträgt nur
0 057 M., die Gesammthöhe 0*06 M. — bewundernswerth lebendig
und fein durchgeführt in allen Formen.

Ihrem Motiv nach ist die Figur bereits von Gut litt (II p. 157
n. 42) genau beschrieben worden. Seiner Beschreibung ist nur hin-
zuzufügen, dass in der rechten Hand allem Augenscheine nach ein
Attribut weggebrochen ist. Wahrscheinlich ein Trinkhorn, wozu die
hohe Erhebung der Hand und die rechte Hand als solche sehr wohl
stimmen würde. Herakles ist trunken gedacht, im Komos taumelnd
nach genossenem Mahle, mit dem schwierigen Versuch beschäftigt,
dem Becher einen Trunk abzugewinnen. Becher und Keule führt
der von Statius und Martial beschriebene Epitrapezios des Lysippos
und mehr als eine erhaltene Statuette, die in Motiv und Situation
wie auch im Charakter der Formen, den man wohl unbedenklich
als lysippisch bezeichnen darf, der unsrigen verwandt ist. Gesammelt
und besprochen sind diese Statuetten von Welcker in den alten
Denkmälern I p. 415 f. und von Ste phani im ausruhenden Herakles
p. 121 f., 151 f. Die Beliebtheit des Motivs bezeugt auch ein
Epigramm der Pianudeischen Anthologie (IV 99) :

Ouiog ö TravöaudTuup, ö Trap3 dvbpdm buubeKdeGXoc;

ueXirouevog, Kpaiepfjc; ei'vexev r^vopenc,
oivoßaprig ucra baiia (ueGuaqpaXeg i'xvoc; eXiacrei,

viKnGeig aTraXa) XutfiueXei Bpouiiu.

Künstlerisch nicht in dem gleichen Grade erfreulich, aber
interessant durch Fundort, vorzügliche Erhaltung und eigenthümlich
abweichenden Stil ist eine Heraklesstatuette, welche sich im Besitze
des deutschen Botschafters in Wien, S. E. des Prinzen Keuss, be-
findet und mit seiner freundlich gewährten Erlaubniss auf Tafel VII
und VIII in Vorder- und Rückenansicht heliographisch reproducirt
ist. Sie wurde in Constantinopel erworben und stammt nach dort
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