Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 4.1880

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Wir beginnen mit dem Namensgenossen des berühmteren. War
es beidemale der Ruhm des jüngeren Meisters der den des älteren
verdunkelte, so lässt sich die quantitativ etwas verschiedene Wir-
kung auf ein ähnliches Verhältniss der Ursache zurückführen. Wäh-
rend die Annahme der Existenz eines älteren Skopas auf mehr-
fachen und nur durch falsche Grundvorstellungen über griechische
Künstlergeschichte immer wieder in Frage gestellten Zeugnissen
der Ueberlieferung beruht, besitzen wir über seinen Genossen nur
eine an und für sich der Kritik bedürftige Nachricht, welcher ihr
volles Recht erst durch sichtende Prüfung unseres Kataloges praxi-
telischer Werke zu Theil wird. Es ist die bei Pausanias über den
Lehrer des Kolotes erhaltene Notiz V 20, 2:

Givcu öe cpacriv e£ 'HpavcXeiag xöv KujXwxnv. oi öe TTo\urrporfUovr|-
aavxes cnrouörj xd eg xoug rrXdcrrag TTdpiov drtocpavvoucriv övxa auxöv,
uaör|xf|V TTacrixeXou?, HacnxeXriv öe auxoöiöaxOfjvat n).

Zunächst muss es fraglich erscheinen, welche Nachricht über
die Heimat des Kolotes die zuverlässigere sei. Die ausdrückliche
Hervorhebung der Vorzüglichkeit jener Quelle welche ihn einen
Parier nennt und welche auch durch die weitere Angabe des Lehrers
die Gewähr einer alten Tradition bietet, könnte zur Entscheidung
veranlassen, wenn eine solche nöthig wäre. Doch kann ich für die
Vereinigung beider Nachrichten keine Schwierigkeiten sehen, wenn
wir aus den hier denkbaren vielen Herakläen das kleine noch heute
Rakli genannte Inselchen in der nächsten Nähe von Naxos wählen,
abgesehen davon dass es auch ein parisches Heraklea gegeben
haben kann.

Der hier als Lehrer des Kolotes genannte sonst unbekannte
Pasiteles war als Doppelgänger des durch Jahrhunderte von ihm
getrennten Lehrer des Stephanos fast ebenso unbequem wie die Ver-
dopplung des Kolotes durch welche er allein vermeidbar schien.
Die Veränderung des Namens in Praxiteles die Thiers ch vornahm,
an und für sich leicht genug, entfernte doch wie Müller richtig
bemerkte, keineswegs die Nothwendigkeit einer Verdopplung. Aber
dennoch, und Kekule war es der dies zuerst einsah, war damit
etwas weitaus lebensfähigeres geschaffen, eine Vermehrung des
Stammbaumes der praxitelischen Künstlerfamilie um einen Ahnen12).
Er reconstruirte denselben nun:

11) Becker. — Codd. auxöv 6i6ax6fjvat.
15) Die Gruppe des Menelaos S. 13.
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