Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 4.1880

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Es scheint kaum möglich dass die gerade hier in so enger
Cultverbindung mit ihrem Gemahl vereinte Hera dabei von Anfang
an hätte leer ausgehen sollen. Musste doch zu Allem noch der
Umstand ins Gewicht fallen, dass das Heraion ein wichtiger Punkt
am Schlachtfelde gewesen war. Dass der hereinbrechende pelopon-
nesische Krieg, dessen erste Woge an die Mauern Platääs schlug,
die Beendigung des Umwandlungsprocesses auch hier hemmte, wird
nicht unglaublich scheinen. Er brachte die authentische Interpre-
tation der Unverletzlichkeitserklärung. Während die thebanischen
und spartanischen Sieger gegen die Inwohner mit unerbittlicher
Rachsucht wütheten, vermieden sie doch die Annexion des Gebietes
an Theben offen auszusprechen. Es wird in einem ganz neuen Sinne
neutral. Die Thebaner weihen die bewegliche Habe der Hera, zer-
stören das übrige bis auf den Grund, diesen verpachten sie und
mit dem Erträgnisse bauen sie der Hera den Hekatompedos den
Pausanias bewunderte. Und wie sie hier wohl nur eine übernom-
mene Schuld abtrugen, so zeigen sie auch durch die Errichtung einer
riesigen Baracke um denselben, dass sie die Abhaltung der Eleu-
therien gleichfalls als eine am Boden haftende dingliche Pflicht über-
nehmen wollen, die in der That auch noch zur Zeit des Pausanias
gefeiert wurden

Für den Zeitpunkt der Ausschmückung des Heraions mit den
drei erwähnten plastischen Werken in Athen heimischer Künstler sehe
ich jetzt nur zwei Annahmen als statthaft. Entweder waren sie mit dem
Tempelbau zugleich in Angriff genommen und vor dem Kriege fertig,
ehe jener nur über die ersten Anfänge herauskam und dann waren
Praxiteles und Kallimachos gleichzeitig mit Phidias und Polygnot
in Platää, oder sie kamen nach dem Frieden (Ol. 89, 3) des Nikias,
mindestens vier Jahre nachdem die Thebaner den Bau begonnen,
und das letztere kann als das Wahrscheinlichere gelten. Für
welche der beiden Annahmen jedoch die Entscheidung immer fallen
mag, jedenfalls kann dieser Praxiteles nur der ältere gewesen sein.

21) Paus. IX 2, 4. Die Annahme Grotes dass die Sieger sich von den Ver-
pflichtungen gegen die Ileiligthümer der Stadt für entbunden erklärt hätten, scheint
mir aus Thuk. III 68 nicht zu folgen, sie darf für gänzlich unstatthaft erklärt werden.
Im Gegentheile scheinen sie an den Göttern Platääs das gut machen zu wollen, was
sie an seinen Menschen verbrachen. Gerade für diesen Gesichtspunkt ist auch der
Bau des Einkehrhauses, das gewiss nicht für die Tempelbesucher und Pächter, wie
Grote, oder für „die Reisenden welche des Weges kamen" wie Curtius will, erbaut
wurde. Bursian denkt an die Dädaleen und man kann ihm hierin beistimmen, wenn
auch die Fassung zu enge ist.
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