Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 4.1880

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myronischer Kunst zu Tage trete und die Begründung derselben
besteht in der Berufung auf seinen Ruhm als Thierbildner. Seiner
trefflichen Rinder und Pferde gedenkt Pausanias und das charak-
terisirt ihn wohl ebenso gut als den Künstler vor den Musenstatuen
am Helikon. Aber das Wesen myronischer Kunst lag nicht da, wo
es späte Epigramme preisend fanden, sondern in Gebieten auf denen
ihm Strongylion mit seinem „Liebling des Brutusu den wir uns nur
in ruhiger Anmuth denken müssen, nicht gefolgt ist. Weit mehr
als Myron hat ein anderer und zwar der berühmteste Thierbildner
seiner Zeit, der auch seinen Knabengestalten den Stempel seiner
Persönlichkeit aufprägte, den Anspruch richtunggebend auf Stron-
gylion gewirkt zu haben — Kaiamis27), und diese Spur führt uns
zu demselben Punkte hin, zu welchem uns die von Kephisodot aus-
gehende zurückweist.

Indessen alle diese Combinationen weisen füglich nur auf eine
andere Annahme als gleichberechtigt hin, und lassen die Zutheilung
offen. Ein wie mich dünkt weit gewichtigerer Grund für die Zuwei-
sung an den älteren der beiden Praxiteles liegt in der Angabe des
Pausanias selbst. Er berichtet über den Urheber hier nicht in be-
stimmtem Ausdruck wie über die Artemis des Strongylion, sondern
fügt der Tradition ein Wort des Zweifels bei, ihm sind sie angeb-
liche Werke des Praxiteles.

Wir können bestimmt annehmen, dass die Tradition kein
Schwanken kannte, dass sie ebenso zuverlässig wie über den Namen
des Strongylion hier sicher den des zweiten Meisters darbot. Der
Eindruck den Pausanias empfing, mochte aber geeignet sein ihn
stutzig zu machen. Es war das zweitemal dass Pausanias einem
von Praxiteles herrührenden Werke begegnete, dessen Erscheinung
etwas an sich hatte, was mit dem was er sonst von ihm kannte,
nicht stimmen wollte. Ganz kurz vorher war er im Demeterheilig-
thume gewesen und hatte dort neben der Gruppe eine Inschrift ge-
lesen die er zuvor in anderer späterer Buchstabenform erblickt hatte,
und hier stand er wieder rings umgeben von Werken des grossen
Praxiteles und seiner Rivalen Skopas und Lysipp28) in einem alten

3T) Paus. V 25, 2.

28) In Megara sali Pausanias eine Fülle von Werken der Hauptmeister des
vierten Jahrhunderts, vom grossen Praxiteles noch den Satyr und die Tyche (die
Gruppe der Leto mit ihren Kindern wollen wir einstweilen beiseite lassen) von
solchen des Skopas Eros Himeros und Pothos Peitho und Paregoros, von Lysippos
Zeus und die Musen und von Bryaxis Asklepios und Hygieia.
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