Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 4.1880

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Eine ästhetische Würdigung fand der schöne Kopf in E. von
Sacken's grosser Publication der antiken Sculpturen des k. k. Münz-
und Antikencabinets3), woselbst auf Tafel XXX, 1 eine photogra-
phische Reproduction gegeben ist, welche freilich seinen eigenthüm-
lichen Werth nicht hinlänglich erkennen Hess. Er ist vorzügliche
griechische Arbeit und erhält ein besonderes kunstgeschichtliches In-
teresse dadurch, dass er in unverkennbarer Beziehung zur Venus
von Milo steht. Allein die unmittelbare Zusammenstellung eines Gryps-
abgusses, wie er jetzt bei dem Aufseher im Münz-und Antikencabinet
Herrn Bildhauer Wilhelm Sturm (Wien, IV Luisenstr. 17) zu haben
ist, mit einer Büste der Venus von Milo lässt diese Beziehung voll
hervortreten, und auf diesen unmittelbaren Vergleich muss ich auch
von den hier gebotenen neuen Abbildungen nachdrücklich verweisen.

Der Marmor ist weiss und feinkörnig. Die Oberfläche scheint
gleichmässig mit einer sehr dünnen gelben Kruste überzogen gewesen
zu sein, welche nur auf der linken Gresichtshälfte leicht abgewaschen
worden ist und die Gresammtwirkung der Formen nicht stört. Bis
auf ein abgesplittertes Stück am Hinterkopfe und eine unbedeutende
Verletzung der Nasenspitze, welche durch Ergänzung neuerdings be-

3) S. 58 f.: „Zu dem grandiosen Kopfe der Aphrodite auf Tafel V [s. unten Anm. 6],
welcher das Ideal der Göttin in seiner erhabensten Form zeigt, dessen Grundcharaktei'
die hohe Würde und Schönheit echter Weiblichkeit ist, bildet das reizvolle hier ab-
gebildete Köpfchen einen interessanten Gegensatz. Der späteren, verfeinerten, weich-
licheren Kunstrichtung angehörend, macht es deren Verhältniss zu den kraftvollen
Schöpfungen der Blüthezeit recht anschaulich. Schmachtendes Liebessehnen ist an
die Stelle würdevoller Hoheit getreten, Weichheit an Stelle der Grossartigkeit,
jugendliche Anmuth an die gereifter Schönheit. Es ist ein bezaubernder Liebreiz
über die feinen Formen ausgegossen, in denen ein warmes Leben pulsirt. Die für
das spätere Ideal der Göttin charakteristischen Züge finden sich hier in liebens-
würdiger Weise ausgeprägt: der feuchte schmelzende Blick der mandelförmigen
kleinen Augen, die von sehr sanft gezogenen Brauen beschattet werden, ein sehr
kleiner bogenförmig gezeichneter Mund, im Kinn ein neckisches Grübchen, das Oval
schmal mit ziemlich flachen Wangen, was den Eindruck mädchenhafter Zartheit
hervorbringt. Diese lieblichen Formen, verbunden mit einem eigenthümlich wonnig-
lichen süssen Ausdrucke, machen das Bildwerk zu einem bezeichnenden Repräsen-
tanten der Auffassungsweise, welche, losgelöst von ethischen Beziehungen, nur die
Apotheose weiblicher Grazie und sinnlicher Liebe anstrebte. Das schöne Köpfchen
wiegt sich auf dem schlanken Halse und ist nach jungfräulicher Art leicht zur
Seite geneigt. Besonders fein sind die kleinen Ohren ausgearbeitet und, wie auch
Mund und Nasenlöcher, tief gehöhlt zur Verstärkung der malerischen Wirkung.
Das gescheitelte, mit einem schmalen Bande geschmückte Haar, einfach zurückge-
strichen , bildet durch seine natürlichen Wellen eine anmuthige Umrahmung des
Gesichtes. Unter den bekannten Venusbildungen steht der Kopf dem der medicei-
schen am nächsten, ist aber noch feiner und von einer natürlicheren Anmuth."

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