Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 4.1880

Seite: 68
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1880/0074
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
68

seitigt wurde, ist der Kopf intact geblieben. Der Hals ist unten rund
abgearbeitet und war in eine Statue, vermuthlich eine Gewandstatue,
eingelassen. Der obere Theil der Haare ist flüchtig angelegt, theil-
weise nur mit dem Spitzeisen behauen, und mochte verdeckt sein durch
einen Kopfschmuck, auf dessen Befestigung ein in der Mitte des
Bandes am Haarscheitel befindliches O01 grosses Loch hindeutet.

Die Wirkung des Originals ist insoferne beeinträchtigt, als es
einen zu hohen und auch sonst nicht günstig geformten runden
Sockel erhalten hat und auf demselben nicht in der richtigen Neigung
aufgesetzt worden ist. Man muss den Sockel auf der linken Seite
des Beschauers etwa um zwei Centimeter erhöhen, um denjenigen
strengen Einklang aller Formen zu erreichen, der sich allein aus
ihrer richtigen Orientirung zur Verticale ergibt. In dieser Haltung
tritt die Aehnlichkeit der Venus von Milo schärfer hervor. Das
gegenseitige Höhenverhältniss der beiden Schultern, die Biegung des
Halses, Wendung und Neigung des Kopfes, die Hauptanordnung und
der schiefe Scheitel des Haares, Lauf und Lage des Haarbandes,
die breite Einsenkung die der Scheitel im Haare bildet, und im
Einklänge mit diesem äusserlichsten Schema des Aufbaues gewisse
Grundzüge in der Bildung einzelner Gesichtstheile sind sich im Wesent-
lichen gleich. Die Summe dieser Uebereinstimmungen ist eine so
grosse und angesichts der beiden Gypsabgüsse, wie ich wieder-
hole, jedem Vergleichenden so unmittelbar deutlich, dass sie sich
durch ein zufälliges Zusammentreffen schlechterdings nicht ergeben
haben kann, sondern zu der Annahme eines durch künstlerische
Intention vermittelten Zusammenhanges nöthigt, sei es nun, dass
beide Werke irgendwie auf ein gemeinsames Original zurückgehen
oder dass eines von beiden freie Nachbildung des anderen ist. Um
so wichtiger wird es dann ihre Verschiedenheiten genauer zu verfolgen•
und dieser Verschiedenheiten sind wieder so augenfällig viele, dass
man sich in Verlegenheit findet das gegenseitige Verhältniss kurz
zu formuliren, und nach näherer Vertrautheit wie bei Geschwister-
typen schwanken kann, was im Grunde vorwaltender sei, die Aehn-
lichkeit oder das Abweichende, Ungleiche.

Abgesehen von dem verschiedenen Maassstabe der Ausführung
— die Venus von Tralles ist etwa um ein Drittel kleiner als die
Venus von Milo 4) — zeigt zunächst die Anlage der Formen als

4) Die Maasse sind die folgenden:

Venus von Tralles Venus von Milo

Kopfhöhe........ 0*178 0-26

Gesichtslänge ....... 0-134 0*212
loading ...