Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 4.1880

Seite: 172
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Mit derselben Entschiedenheit vertrete ich noch heute das in
Jahns Jahrb. 1880 S. 42 über den Kopf der in der 1. Westgiebel-
ccke liegenden 'Nymphe3 Gesagte. Aber nicht nur von allen übrigen
so zahlreichen und so wohl erhaltenen Köpfen des Westgiebels
sticht dieser eine ab, sondern derselbe geht auch über den Kopf
des Dionysos (Theseus') im Ostgiebel des Parthenon wie über den
sogen. Webersehen Kopf erheblich hinaus in der Richtung späterer
Gesichtsbildung. Es wird dabei bleiben, dass Alkamenes als Schüler
und jüngerer Meister neben Pheidias arbeitete*; Nach der von Furt-
wängler selbst scharfsinnig bestimmten Bauzeit des Zeustempels
i'Arch. Zeit. 1879 S. 48), nach allen Daten die wir über Alkamenes
und seinen Genossen Paionios wie über Pheidias haben, wäre nicht
zu begreifen, woher jener archaischen Stil gehabt hätte. War die
Hekate in solchem Stil gearbeitet, so war Alkamenes nicht der
letzte der Archaischen, sondern der erste der Archaisten. Sehen
wir, ob sie es war.

Wann die Hekate aufgestellt wurde, sagt uns kein Zeugniss.
Der innige Zusammenhang derselben mit dem Niketempel, wie
er auch in der athenischen Bleimarke (Mon. ined. delV Inst. VIII,
LH 758, Benndorf Beiträge zur Kenntniss des att. Theat. S. 68)
mit den verbundenen Namen der Athene viKn. . .und Artemis cpuuaqpöpog
sich ausspricht, und der ganzen Neugestaltung des Pyrgos, bleibt der
einzige Anhalt zu näherer Bestimmung. Mit dem Tempel der Nike
scheint aber, nach gehöriger Erwägung aller Umstände die Balustrade
gleichzeitig gewesen zu sein. Diese aber, welche nicht blos den
Raum nördlich, sondern auch südlich vom Tempel, wie sich be-
weisen lässt, also damit auch die Hekate, sofern sie irapd töv vaöv
stand, umschloss, kann nach meinem Dafürhalten nicht älter sein
als der Peloponnesische Krieg und hatte, wahrscheinlich gleich der
nahverwandten Nike des Paionios, ihr anregendes Vorbild in den
zahlreichen Niken des Pheidiassischen Zeusthrones. Vielleicht hatte
auch Alkamenes selbst für die Composition der drei um einen Pfeiler
gestellten Hekategestalten eine Anregung durch jene, wie es scheint,
auf jeder Seite der Thronbeine dargestellten Siegesgöttinnen em-
pfangen.

Während nun Furtwängler besonders S. 194, 4 auf die beson-
deren Attribute unserer Hekataia geringes, auf den alterthümlichen
Stil derselben grosses Gewicht legt, scheint mir die Sache umgekehrt
zu liegen. cDie meisten (Exemplare) sind ohne Attribute, mit ge-
senkten Armen das Gewand fassend5 sagt Furtwängler mit gewissem
Recht. Denn kein anderer Typus ist so häufig vertreten wie A, von
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