Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

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Wie Artemis-Hekate im Feuchten waltet und dadureh Wachsthum
fördert, haben wir gesehen. Was den Nymphen die Grotten, ist
Artemis der Wald, auf Bergen weilt sie gleich jenen. Hekate haust
recht eigentlich in der Höhle, auch Selene, Eileithyia, wie sie im
Homer. Hy. 1, 97 geschildert wird, f|ctto yap dxpuj 'OXuuttuj uttö xpu-
ffeoiöi veqpecrcri, lässt zweifeln, ob mehr der Hekate im Homer. Hy.
5, 25 oder den Nymphen gleichend, wenn sie auf hohen Bergen
lagern. Der Zusammenhang des Hausens in der Grotte mit der
Vorstellung des Thürhütens hat für Nymphen, Hören und Chariten
schon oben Hekate erklärt. Wie Hekate aus der Höhle endlich
hervorgeht, Eileithyia aus dem Wolkenversteck, wird ihr zwischen
Höhle und Weg der Aus- und Eingang heilig. Wie Hekate in
Athen die Thüren der Häuser und das Thor der Burg, in Aischylos'
Dichtung auch des Königshauses schützt, nach einem Wort des
Epameinondas auch das Thor der Stadt, so im Peloponnes Eilei-
thyia106). Furchtbarer im Zorn als Musen und Nymphen, mehr
Mainaden und Amazonen vergleichbar ist Artemis, und ist uns an
Hekate bisher diese Seite weniger hervorgetreten, so wird sie es
um so mehr bei der zweiten Gattung von Darstellungen. Viel
schärfer als bei den Nymphen z. B. ausgeprägt ist an Artemis-
Hekate die Macht über Leben und Tod, über Geburt und Sterben.
Ueberwog bei Nymphen, Hören, Chariten die feuchte Natur, so bei
Artemis, Hekate, Eileithyia die Lichtnatur, aber es fehlt dieser so
wenig das nasse Element, wie jenen das lichte.

Ich übergehe andres und hebe schliesslich noch eins hervor.
Grade so wie statt der Nymphenschaar häufig auch eine in grösserer
Bedeutung hervortritt, wie schon Kalypso, Kirke, wie Atalante,
Kallisto, Taygete, Arethusa, die meist völlige Gegenbilder der Arte-
mis oder Hekate scheinen, so sahen wir umgekehrt die Mondgöttin
sich spalten und vervielfältigen, so jene Dreiheit Selene - Artemis-
Hekate, so früher schon angeführt jene Dreivereine von Delos, wie
die drei Eileithyienbilder in Athen Paus. 1, 18, mehrere Eileithyien
auch in Megara Paus. 1, 44 und eine Mehrheit ja auch schon bei
Homer. Nehmen wir aber nicht denselben Wechsel von Einheit
und Mehrheit auch bei andern Göttinnen wahr und zugleich, dass
die Mehrheit sich absondert und zur dienenden untergeordneten
Schaar wird, wie die Nymphen der Kirke (Odyss. 10, 349), die doch
auch selber Nymphe heisst? Oder ist es etwa anders, wenn Hera

106) Vgl. Curtius Peloponnesos II, 536 und das Eegister unter Eileithyia.
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