Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

Seite: 81
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1881/0085
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
81

haben ja auch die Dichter, und wohl schon Sophokles, die Schlangen
in Hekates Haar132) entlehnt. Vielleicht dürfen wir hieraus den
Schluss ziehen, dass Stratonikeia, wo wir das einzige der neueren
Attribute , welches für Hekate charakteristisch ist, im Cultus von
hervorragender Bedeutung finden, der Ausgangspunkt der zweiten
Form war. Die Erwähnung ihres mit Zeus verbundenen Cultus bei
Tacitus ann. 3, 62 in Uebereinstimmung mit den Inschriften bei
Lebas-Waddington 519 ff. und ihres Tempels in dem nahen Lagina
(vgl. Lebas-Waddington 541 f.) als 'tepöv emcpavecTTarov bei Strabo
14, 660 sichern dieser Hekate wohl hinlängliche Bedeutung.

Dichtung und Bildkunst in der Ausstattung der Hekate wenig
einstimmig, kommen aber wieder überein in dem Streben, die Drei-
heit zu einer lebendigen Einheit zusammenzuziehn und damit ge-
wissermassen der älteren Form des dreiköpfigen Hermenpfeilers sich
wieder anzunähern133). Die drei waren ja eine, und das Monströse
solcher dreieinigen Bildung, das an manchen Dreigestalten wie Gery-
oneus134), Kerberos Analogie genug hatte, konnte eben so wohl
durch das cpoßepöv Kai KotTonrXnKTiKÖv der Göttin nahegelegt werden
wie weiterhin den Spuk vermehren helfen.

In der Litteratur finde ich die leibhaftige Hekate als eine mit
dreifachen Gliedern zuerst in Lykophrons (Alex. 1186) xpiauxevog
Geäg und bei Apollonios Arg. 3, 1216:

axparrTe b'dTCipecriov öcüöujv 6i\ag,

was am besten, wie mir scheint, Sinn gewinnt durch Vergleich des
Typus F, wo jeder der sechs Arme seine Fackel schwingt. Wo
die Göttin, wie oben S. 18 angeführt ist, xpijuopcpoff, TpnrpöcrujTros,
TpiKdpnvog, triformis, trigemina, triceps genannt wird oder angerufen,
besteht allerdings eine gewisse Unklarheit: sind hier die zeitlich
nacheinander sich entwickelnden Gestalten der Mondgöttin in einen
Namen zusammengefasst, oder werden sie schon als gleichzeitig

132) Das gelöste Haar der Hekate zweiter Form kann nicht als stilistische
Umwandelung der alten Locken blos erklärt werden. Ich glaube, dass der Brauch
der Weiber, welche bei Zauberei die Hekate anriefen mit aufgelösten Haaren, dabei
mitgewirkt hat. Vgl. Ausleger zu Horaz S. 1, 8, 24.

133^ Ygl. mehrere der unter V W aufgezählten Hermen mit eng zusammen-
geschlossenen Köpfen.

134) Merkwürdig ist wie auf dem griechisch-etruskischen Unterweltsbild Mon.
ined. dell' Inst. IX, 15 neben Hades und Persephone Geryoneus gewappnet steht
wie sonst wohl Hekate, allerdings eingestaltig, dienend neben den Herrschern der
Unterwelt.

Archäologisch-epigraphische Mitth. V. 6
loading ...