Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

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Pallas des Phidias angegeben, ob es gleich hundert Talente weniger
waren — aber annähernd richtig kann sie sehr wohl sein, denn er
übertraf ja die Parthenos noch um vier Fuss7).

Mit dieser Annahme würde auch die Errichtung desselben in
wesentlich anderem Lichte erscheinen müssen. Dann war der Koloss
nicht das Symbol eines halbbarbarischen Geldprotzenthumes, son-
dern in echt hellenischer Weise der Hüter des „eisernen" Kriegs-
schatzes der eben begründeten nordischen Hexapolis.

Wollte ich (einer empfangenen Anregung folgend) die Heimat
unseres Meisters an jenen Gestaden suchen, es fände manches seine
Erklärung : seine Verbindung mit Athen, die besonders charakteristisch
hervortretenden Züge seiner Kunst, vielleicht auch sein so absonderlich
fremdartig klingender Name 8). Doch genügt das allein keineswegs.
Auch die Liste seiner Auftraggeber wie seiner Mitarbeiter und das
Verzeichniss der Standorte seiner Kunstwerke, so interessant sie
sonst sind, darüber geben sie keinerlei Aufschluss. Die erste hat
ein entschieden aristokratisches Gepräge. Pindar, Kallias, Hieron,
Theron (er dürfte wahrscheinlich das Weihgeschenk der Agrigentiner
bestellt haben) und die Regierung von Sparta stehen darauf. Von
seinen Mitarbeitern ist besonders der Aeginete Onatas zu erwähnen
und seinen Werken begegnete man im Alterthume am Gestade des
Pontus, in Mittelgriechenland wie im Peloponnes. Man hat es für
seine Zutheilung entscheidend ansehen wollen, dass in Athen etliche
derselben standen. Aber Athen schloss, wie es den Anschein hat,
nur den Aegineten seine Thore 9), und weit bezeichnender dünkt
mich, dass wir sie auch in den Stammsitzen sikyonischer Kunst
finden, zu Olympia (nicht etwa wie Mikon auf athenische Bestellung)
und zu Sikyon selbst. Und darin wird man wohl ein weiteres
Argument gegen den angenommenen athenischen Ursprung unseres

7j Nuove Memorie deW Imtituto p. 99 nimmt Petersen für die Sosandra des
Kaiamis das gleiche Material an. Ihm folgt Bllimner Archäologische Studien zu
Lueian S. 8 ff. Indess, da wir nun wohl endgiltig die Identification derselben mit
der Aphrodite des Kallias festhalten dürfen, fällt damit diese Annahme weg.

8) Ueber die Etymologie desselben vgl. Curtius Grundzüge der griech. Etym.
I S. 108. Nach Hesych. Ka\a\j.ic„ KOöjudpiöv ti Trepi Tr\oKd1uou<; (vgl. auch Pollux
V. 96) Hesse sich der Name fast ganz genau mit „Ghirlandajo" übersetzen. Dass
indess unser Meister auf dieselbe Weise wie Domenico Bigordi zu seinem Namen
kam, will ich nicht behaupten.

9) Dass umgekehrt die Aegineten und auch die Argiver auf legislativem Wege
den Import attischer Erzeugnisse, namentlich der Vasen erschwert, erzählt Herodot
V 88 ausdrücklich.
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