Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

Seite: 93
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Neu tibi Daedaleae quaerantur munera dextrae
Nec Polycletea nec Phradmonis aut Ageladae
arte laboretur.

Zu nächstem Vergleiche bietet sich Priapea 10, denn es ist
wohl das Original:

Insulsissima quid puella rides?
Non nie Praxiteles Scopasve fecit,
Nec sum Phidiaca manu politus,
sed etc.

Hier sind drei grosse allbekannte Namen, zufällig derselben
Schule angehörig, genannt wie sie sich boten. Columella vereinigt
in Zeile 2 drei andere weit absichtlicher. Sie gehören gleichfalls einer
Schule an, aber einer anderen als die früher genannten. Zwei von ihnen
waren nur Kennern geläufig und alle drei stehen in engem gleich-
falls nur Kennern deutlichen Zusammenhange. Ageladas ist der
Lehrer Polyklets, vielleicht auch seines Zeitgenossen Phradmon. Das
scheint mir eine etwas subtilere Deutung, als dem Geist des Ganzen
durchaus entsprechend, zu berechtigen. Die dort erwähnten Leistungen
dädalischer Hand gehen direct nicht auf den mythischen Künstler,
wie die Erklärer annehmen, auch nicht auf den Sikyonier Dädalos,
der sonst in die Gesellschaft passte, sondern es ist eine allgemeine
Bezeichnung, die die Werke der drei speciell genannten Künstler gleich-
mässig umfasst. Geschmackvoll war es gerade nicht, die in ihrer
Einfalt ergötzlichen priapeischen Verse so gelehrt umzuarbeiten
Indess denke ich, wir können doch dafür dankbar sein.

Als die ersten der Dädaliden und die Gründer der sikyonischen
Schule treten uns die Kreter Dipoinos und Skyllis entgegen, ein Brüder-
paar, wie die Sage von ihrer gemeinsamen Abstammung von Dädalos
beweist. Der ausführliche Bericht des Plinius 36. 9 war Gegen-
stand eingehender Untersuchungen. Als feststehende Resultate der-
selben darf man jetzt annehmen, dass ihre Künstlerlaufbahn bald
nach Olymp. 50 begann, und dass es Kleisthenes war, der ihnen in
Sikyon eine grosse erst spät nach allerlei Hindernissen vollendete
Aufgabe stellte. Ebenso glaube ich trotz des Einspruches von Rho-
dens an Ottfrieds Müllers Vermuthung festhalten zu dürfen, dass die
fünf uns von Plinius genannten Statuen zu einer Gruppe gehörten,
die den Dreifussraub in der Weise alter Vasenbilder darstellten 24).

24) Arch. Ztg. 1876 S. 122. Der Schluss aus dem vom Blitz getroffenen
Athenebild in Sikyon Paus. II 11. 1 verliert durch die gleich darauf folgende Wieder-
holung II 12. 1 von seiner Beweiskraft.
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