Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

Seite: 159
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2. Silen, Statue.

Weisser Marmor. Höhe l-80. Der Kopf gehört zur Statue
und ist in der richtigen Wendung aufgesetzt. In Gips sind ergänzt:
die Nase, die Vorderarme, der linke mit dem darüber geworfenen
Felle, das Kind (gegenwärtig hängt es abgelöst herab), das rechte
Knie, das linke mit einem Theile des Oberschenkels, die Füsse,
der untere Theil des Tronks und die quadratförmige Basis. Das
Glied ist gebrochen.

Eine entfernte Aehnlichkeit dieser Statue mit der borghesischen
Gruppe des Silenos, welcher den kleinen Dionysos in den Händen
wiegt, hat den Ergänzer Paronucci veranlasst, das Kind, von dem
trotz seiner Versicherung2) keine Spuren erhalten sein konnten, in
ihre Arme zu legen. Dieser Ergänzung widerspricht vor allem die
Wendung des aufblickenden Hauptes nach rechts. Auch lehnt der
Silen sich nur leise an den Baumstamm an seiner rechten Seite,
steht fast völlig gerade auf dem r. Beine und stellt das vorgesetzte
1. nicht wie die borghesische Figur auf den äusseren Fussrand,
sondern tritt mit der ganzen Sohle auf. Von derselben unterscheidet
er sich ferner durch den Fichtenkranz auf dem Haupte und durch
das vorne auf der Brust geknüpfte Thierfell, welches im Rücken
herabhängt und unter der linken Achsel vorgezogen über den im
rechten Winkel erhobenen linken Vorderarm herabfällt. In allen
diesen Einzelheiten gleicht er indess völlig einer in der Campagna
gefundenen, jetzt in Holkham Hall aufbewahrten Statue (ßpecimens
of ant. sculpt. II 27 = Clarac 724, 1680 E), die sich ebenso sehr
durch die vorzügliche Ausführung als durch gute Erhaltung aus-
zeichnet. Die Attribute sind freilich auch an diesem Exemplare
ergänzt. Unzweifelhaft richtig aber hält die Rechte ein Pedum ge-
schultert; der Arm ist in spitzem Winkel gebogen. Der auch in
der Wiederholung zu Tersatto geöffnete Mund war die Veranlassung,
dass man die Figur als sprechend auffasste und der linken Hand
einen Redegestus gab. Wahrscheinlich hielt dieselbe den Kantharos.

Der Typus des Silenos stellt sich in diesen Gestalten auf der
höchsten Stufe seiner Veredlung dar. Der Kopf unserer Replik
mit den tief liegenden Augenwinkeln ist von würdigem Ausdrucke
und die Spitzohren und ein Schwänzchen am Kreuzbeine sind die

2) „Zo scultore il quäle avevCt fatto il modello di questo ristauro, mi assicuro
che vi fossero pure i segni determinati pel fanciullo, e la posizione delle braccia del
Sileno indica V atto di sostenere qualche cosa." E. Wolff im bull, dell' inst. 1831 p. 6G.

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