Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

Seite: 186
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Die Zusammenstellung dieser Gruppe bedarf der Motivierung.
Wir begegnen zuerst dem so häufigen Terracotten-Typus der Ana-
dyomene, dann der gleichen Gestalt, wie sie einer kleineren weib-
lichen die Hand auf den Kopf legt10). Das Bewusstsein von der
Bedeutung des Motivs ist also nicht mehr vorhanden. So finden
wir auch bei Tudot pL 17 die nemliche Gestalt in einer Nische,
oder einmal pl. 16. 18 mit dem Apfel in der R. Bei der Gruppe
17 sind die beiden kleinen weiblichen Gestalten der von 16 gleich-
artig, der Kreis ist indessen erweitert, die Hauptfigur zwar dem
Wesen nach dieselbe, das Motiv aber verändert. Zwei Stücke bei
Tudot: Holzschn. XLVII und pl. 31 zeigen die gleiche Gestalt
bekleidet in schützender Action ein Mal zu einem vor ihr stehenden
Kinde, das andere Mal zu Mann und Weib, die vor ihr stehend,
en face, nackt, ein Kind auf den verbundenen Händen tragen. Die
Gottheit der ganzen Gruppe ist demnach ohne Zweifel dem ursprüng-
lichen Wesen der Aphrodite verwandt. Es ist eine Göttin der
Zeugung und weiblichen Fruchtbarkeit, bald beziehungslos als
nacktes Weib ohne weitere Zugabe, bald in Ausübung ihres schützen-
den Wesens Kindern und Frauen gegenüber dargestellt, in dem
letzteren Falle mit der Idee der zuerst behandelten Gruppe sich
entschieden berührend. Neben der symbolischen Darstellung des
Grundgedankens haben die speciellen einzelnen Züge den Werth
einer zufälligen Varietät, auf deren Deutung vor der Hand besser
zu verzichten ist. Auffallend ist als Attribut der Gottheit der ein-
mal vorkommende Adler.

III. Victoria-Typus. 18 (in München n.381). Aufrechte weib-
liche Figur mit langem über dem starken Ueberfall gegürtetem
Chiton bekleidet, Aufsatz über dem Haar, mit Kugel in der R,
Palmzweig auf der L., idolartiger Gesichtsbildung, ohne Füsse und
Basis in dem symmetrisch ausgeschweiften Gewände endigend.
H. 0145. Der äusseren Anlage nach Tudot pl. 145 D entsprechend.
Der besonders im Gewände zum Ausdruck kommende Charakter
des Schwebens entspricht vollkommen dem Victoria-Typus, doch
fehlen für eine Victoria die Flügel.

Zu einer IV. Gruppe möchte ich eine Reihe formell verwandter
Stücke zusammenfassen, bei denen mythologische Darstellungen und
Darstellungen aus dem Leben nicht streng zu scheiden sind. 19—28

10) Die Hauptfigur hat hier mehr ebeumässige Proportionen und idealen Ge-
sichtsausdruck, die kleine idolartigen. Die Echtheit des Stückes ist durch das
gleiche französische sichergestellt.
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