Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

Seite: 195
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Knaben doch Phosphoros und Hesperos sind, zugleich auch als An-
deutung des Gegensatzes, den diese Knaben sonst durch empor-
und niedergehaltene Fackel ausdrücken5), den mythisch das Wechsel-
leben der Dioskuren zu einer gewissen Zeit wenigstens bedeutet hat.

Den Gegensatz von Morgen und Abend möchte man in den
beiden Schulterfiguren fortgesetzt glauben; doch ist die eine zu un-
deutlich, und auch zu rathen will mir nicht gelingen, welche Göttin,
denn weiblich scheint sie allerdings, der völlig deutlichen Tyche mit
Füllhorn und Ruder über der Kugel entgegengesetzt sein möchte.
Schwieriger noch wird die Sache bei den vier Streifen unterhalb
des Gürtels. Nicht ganz abzuweisen ist der Gedanke Köppens von
der Entwickelung des Kindes in Dienst und Brauch eines Cultus,
da jedenfalls der oberste Streifen ein kleines Kind, der zweite ein
etwas grösseres zeigt; aber minder sicher ist schon, ob die Mittel-
figur des dritten Streifens durch ihre Haltung oder durch ihr Alter
so klein erscheint, und im vierten Streifen wäre das herangewach-
sene Mädchen unter Altersgenossinen schon gar nicht mehr kenntlich.
Dass es ein Mädchen wäre, nicht ein Knabe, dessen Entwicklungs-
gang hier an der Hekate dargestellt wäre, wie ja auch alle übrigen
Figuren in allen vier Streifen mit einer Ausnahme weiblich sind,
das möchten wir freilich erklärlich finden. Immerhin wäre aber so
erst der kleinere Theil des Bildwerks erklärt.

Nach dem beiderseitigen Abschluss des obersten und des
zweiten Streifens scheint es nicht, dass die Streifen sich fortsetzend
gedacht sind. Zusammenhängen werden sie aber schon durch ge-
meinsame Beziehung zur Hekate. Und in der That die zweifellose
Erscheinung der Artemis im vierten, der Hekate im dritten Streifen
berechtigt zu der Voraussetzung, dass auch in den beiden obersten
Streifen besondere Formen der Mondgöttin dargestellt seien. Im
obersten Streifen links steht halb nach links gekehrt eine mit
Ober- und Untergewand bekleidete Frau, welche ein nacktes, wie
neugeborenes, Kindlein auf dem 1. Arm trägt, während sie in der
Rechten ein 'Schwert' oder Messer attributartig vor sich hält und
den Kopf etwas gegen ein kleines am Boden sitzendes, zu ihr auf-
schauendes Thier, am ehesten einen Hund, neigt. Von dieser Frau
abgekehrt schreitet eine andere, das Himation über den Kopf ge-
zogen, nach rechts, die Linke an das Gesicht erhebend, wie Thränen
abwischend, mit der Rechten die zu ihr emporgehobene Schnauze
eines riesigen Hundes berührend. Weiter rechts hinter dem Hunde

5) S. oben Seite 23.
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