Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

Seite: 199
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1881/0187
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
199

Linken hält diese Frau eine Binde, in der Rechten ein Messer.
Benndorfs Gedanke an ein 'Grubenopfer trifft, glaube ich, das
Richtige Man vergleiche nur den Odysseus des Pariser Reliefs12),
wie er rechtshin dem Teiresias gegenübersteht, ganz ähnlich den
einen Fuss hoch stellend, sein Schwert über die Grube haltend; ja
erst dieser Vergleich möchte die durch Ungeschick missrathene Arm-
haltung der Frau erklären. Wie Odysseus sollte sie den 1. Arm
über das hohe Knie legen, und auf dem 1. wieder den r. Arm mit
dem Messer ruhen lassen. Odysseus ruft nicht Hekate, doch ist
es Kirke die ihn die Todtenbeschwörung gelehrt. Bei späteren
Dichtern wird mit Hekate die ganze Unterwelt gerufen; das Ver-
fahren aber in Bezug auf die blutgefüllte Grube ist wesentlich das-
selbe. Allerdings hat das Halten des Schwertes über der Grube
eigentlich nur bei Odysseus, welcher die andern Schatten abwehrt,
bis Teiresias getrunken, und auch bei Odysseus nur bis Teiresias
herangetreten ist, Sinn; doch es ist die Herübernahme auch dieses
Zuges mit dem ganzen Motiv nicht zu verwundern13).

Bei diesen Beschwörungen werden auch gelegentlich Hunde
geschlachtet14), und Hundeopfer für Hekate und verwandte Göt-
tinnen sind ja auch sonst bezeugt. Gleichwohl möchte ich den Hund
vor der Frau nicht für einen zum Opfer bestimmten halten, weil
dazu weder seine noch ihre Haltung passt. Der Hunde Geheul
kündigt das Nahen der Göttin an bei Theokr. 2, 35 und die Worte
Vergils Aen. 6, 256:

iuga coepta moveri
süvarum, visaeque canes ululare per umbram
adventante dea

oder des Horaz bei Canidias Beschwörungen Sat. 1, 8, 34:

serpentes atque videres
infernas errare canes
sie scheinen mir vortrefflich auf unsere Darstellung und besonders
die erste noch besser auf das rechte Ende des zweiten Streifens zu
passen: der Hund deutet beidemal die Nähe der lebendigen Göttin
an, während am andern Ende der beiden Streifen nur das Heilig-

15) Vgl. Welcker Alte Denkm. III, 452 ff. Taf. XXIX. Winckelmann mon.
med. 157. Gull. myth. 175, 637.

13) Kaum wage ich hervorzuheben, dass die Schwerthalterin unseres Reliefs
ungegürtet scheint, wie die Beschwörerinnen incinctae, noch weniger mit Berufung
auf Heibig Arch. Zeit. 1866 S. 261 den abgenommenen Gürtel in ihrer Hnnd zu
sehen. Wie passte das auch auf die erste Figur links im vierten Streifen?

*4) Orpheua Argon. 949 ff.
loading ...