Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

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weil der Name am weitesten, auch sterbliche Mädchen umfassend
und zugleich die Beziehung grade auf Artemis die Jägerin, die hier
neben ihnen sich findet, erleichtert. Denn nirgends noch lag der
Vergleich jener berühmten Homerverse (Od. 6, 102 ff.) von der
jagenden Artemis und den zugleich spielenden Nymphen näher als
eben hier. Was auf den ersten Blick auffällt, dass Artemis aus
der Gesellschaft herausstrebt, ist doch ebensowohl bedacht wie die
ähnliche Composition am rechten Ende auch des vorigen Streifens,
da Artemis nicht zwischen ihre Gespielinnen schiessen konnte und
jene, welche an der Grube mit Blut die Hekate erwartet,5):

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gegen das dreigestaltige Bild gekehrt eine falsche Vorstellung er-
wecken würde.

So viel scheint also in der That gewiss, dass die Streifen
unterhalb des Gürtels sämmtlich auf die Mondgöttin in ihren ver-
schiedenen Wesensformen gehn und somit insgesammt einen Gegen-
satz bilden zu dem über dem Gürtel in der Mitte angebrachten
Helios, eine andre Art der Gegenüberstellung als wir sonst grade
auch an äusserlich wie innerlich nahestehenden Werken finden, z. B.
jenen Jahn'schen Priesterinnen. Wenn aber an unserer Figur nicht
auch Helios und Selene einander in einer Sphäre gegenübergestellt
sind wie Morgen und Abend, sondern der Sonnengott in höherer, die
auf die Mondgöttin bezüglichen Scenen in niederer Sphäre, so dürfte
dafür neben und vor der Vorstellung, dass jener wirklich in höheren
Sphären kreisend, diese vorzüglich die xöovicc 'GKain, mehr auf
Erden und gar in den Tiefen der Unterwelt waltend und wirkend
gedacht wurde, der rein äusserliche Grund massgebend gewesen
sein, dass die Hauptfläche hier natürlich den Darstellungen der-
jenigen gehören sollte, die allen diesen Schmuck trägt. Weshalb
die Streifen in dieser Reihenfolge von oben nach unten geordnet
sind, das ist leichter gefragt als beantwortet. Selene, Artemis,
Hekate haben wir früher als aufeinander folgende Mondphasen
kennen gelernt. Dass hier noch eine vierte erschiene, könnte mit
dem oben S. 15 Gesagten sich vereinigen lassen, auch könnte Ei-
leithyia wohl als Göttin des neugebornen Mondes verstanden werden,
obgleich ich kein Zeugniss dafür kenne lüj; Artemis dort für den sechs
Tage alten Mond, d. h. das erste Viertel gesetzt, könnte wohl auch

,5) Theokrit 2, 13.

16) Vgl. indessen die der Juno (Lucina) geheiligten Kaienden Preller a. O.
und S. 274 (244).
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