Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 5.1881

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Carnuntum stationirt gewesen sei, dafür fehlt es gänzlich an irgend
einem Zeugniss und wenn Plinius (n. h. IV §. 80) von den Pannonica
hiberna Carnunti spricht, so liegt an und für sich nicht der geringste
Grund zu der Annahme vor, dass das Lager erst ganz kürzlich nach
Carnuntum übertragen sein sollte, während doch aus einer anderen
Stelle des Plinius (XXXVII, 45) hervorgeht, dass man schon unter
Nero von Carnuntum, offenbar als dem letzten bedeutenden Ort im
Nordosten des Reiches, die Distanzen zur germanischen Bernstein-
küste gemessen hat (Mommsen a. O.). Dazu kommt, dass in Car-
nuntum so zahlreiche Steine und Ziegel der bereits im Anfange des
zweiten Jahrhunderts definitiv nach dem Orient versetzten legio XV
Apollinaris gefunden sind, dass auch Mommsen (a. O. p. 550) es
höchst auffallend findet: „tarn brevi tempore moratae ibinon solum tegulas
sed etiam titulos tanto numero superesseu. Aber geradezu beweisend
dafür, dass diese Legion schon im Anfange der Kaiserzeit in Car-
nuntum gestanden habe, ist folgende Erwägung. Unter den in Car-
nuntum bezeugten Soldaten der legio XV Apollinaris sind sieben,
die kein Cognomen führen (C. I. L III 4463. 4465. 4476. 4477.
4478. 4483 und der von mir S. 220 n. 8 publicirte Stein), dazu
kommen zwei (4482. Ephem. epigr. IV, 534), in denen der Name des
Soldaten zwar verstümmelt ist, aber der auf dem Steine genannte
Erbe resp Bruder kein Cognomen hat8). Dem gegenüber stehen
17 Carnuntiner Steine von Soldaten oder Centurionen dieser Legion
mit Cognomen (C. I. L. III 4406. 4418. 4455. 4456. 4460. 4461. 4464.
4473. 4475. 4477\ 4479. 4481 (?). 4484. 4488. 4491. Ephem. IV, 533
und der oben S. 203 publicirte Stein), wobei jedoch zu bemerken ist,
dass in n. 44649) und in der Inschrift des Centurionen Calidius (oben
S. 203) die den Stein setzenden kein Cognomen tragen. Dazu kommt
n. 4485, wo der Name des Soldaten verstümmelt, aber ein zweiter
Name mit Cognomen erhalten ist; ferner zwei halb zerstörte In-
schriften (Ephem. II n. 904 und unten S. 221 n. 9), in denen Soldaten
dieser Legion ebenfalls ein Cognomen zu haben scheinen. Schliesslich

8) Dass auf einem in Wien gefundenen Grabstein ein Soldat derselben Legion
(n. 4570) ebenfalls kein Cognomen führt, spricht, vorausgesetzt dass der Stein nicht
etwa von Carnuntum nach Wien verschleppt ist, gegen die Annahme Mommsens
(S. 565), dass Wien seine „Romano, origou erst Vespasian zu verdanken habe. Das-
selbe wird von Scarbantia gelten, wo zwei Steine von Veteranen der legio XV
(III. 4235. 4247) gefunden sind, von denen der letztere, ebenso wie seine beiden
Erben, kein Cognomen führt. Damit stimmt vortrefflich, dass Plinius (n. h. III,
146 : Scarabantia Julia) die Stadt als eine julische Anlage bezeichnet.

9) Der Stein ist jetzt in dem Schloss des Grafen Traun in Petronell, die
letzte Zeile lautet nach meiner Copie: /VB ■ H • P d. h. [,mb]h(eres) p{omit).
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