Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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würde die religionsgeschichtliche Bedeutung des Bildes sein, wenn
jene Auffassung begründet wäre. Aber freilich nicht dem vierten
sondern dem fünften Jahrhundert müssten wir das merkwürdige
Zeugnis zueignen, denn dahin weist die Vase der Charakter ihrer
Zeichnung wie ihrer Schrift, ebenso wie die Phineusvase von Ka-
meiros (Arch. Zeit. 1880 T. 12, 2) von gleicher Form, Grösse und
Technik", ja aus derselben Fabrik wie Flasch behauptet. Flasch
hat es nicht ausgesprochen und wohl auch nicht gedacht, dass die
Darstellungen beider Vasen zusammengehören und eine gleichsam
die andere fortsetzen sollte — obwohl sie nicht zusammen verkauft
wurden. Denn sonst würde man an der Verschiedenheit des Kopfes
und des Alters bei dem sitzenden Phineus der einen und dem ver-
meintlichen stehenden der andern Vase Anstoss nehmen. Freilich
sehe ich dafür eine Erklärung, die ich jedoch vorzubringen mich
scheuen würde.

Wo ist denn nun aber auf der Nolaner Vase der hilflose Alte,
dem Niemand zu helfen vermag als die Götter? Ist er wirklich
blind? Augenscheinlich ist — ich halte mich an die Abbildung der
Arch Zeit. —, dass das Auge nicht wie ein sehendes gezeichnet
ist, aber ebensowenig deutlich wie ein blindes, weder geschlossen
wie bei dem Phineus der Würzburger Vase I — denn der Lidbogen
ist dort nach oben statt, wie hier, nach unten gewölbt — noch
geöffnet mit blödem Augenstern, wie bei dem Phineus der Jatta-
schen Vase Mon. Lied. d. Inst. III 49 oder bei dem Polymestor da-
selbst I T. 60 und Welcker's Alte Denkm. 3, T. 22 a1). Hätte auch
wohl ein Blinder, selbst wenn er beten wollte, den Stab zur Seite
gelegt? Doch legen wir darauf kein Gewicht; es soll kein flüchtig
und fehlerhaft gezeichnetes, sondern ein blindes Auge sein : genügt
das, den Mann Phineus zu heissen? Aber der Tisch cmit den durch-
einander geworfenen und herabhangenden Speiseresten5, 'der Zustand
desselben bezeugt, dass ihm die Mahlzeit zum Theil schon entführt,
zum Theil ungeniessbar gemacht worden ist5. Hier muss ich blind
sein, denn von dem, was hier Flasch sieht und als das Wesentliche
hervorhebt, kann ich gar nichts sehen. Ich sehe den Tisch aufge-
häuft voll, weder ganz leer wie.auf der Würzburger Vase, noch
halbleer wie auf derjenigen von Kameiros2), und nicht wie auf dieser

*) Auch auf dem vou Welcker Alte Denkm. 3, 393 wohl richtig erklärten
Vasenbilde wäre die Blindheit bei offenen Augen kaum kenntlich.

2) Apollon. 2, 189 eXemexo o' äXXoje cpopßfic, ou6' öaov, äXKoxe tutGöv,
i'va £uuuuv c(köxoito.
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