Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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in Folge gieriger aber gestörter Plünderung hängen Speisereste un-
ordentlich vom Tisch herunter, sondern wohlgeordnet wie auf andern
wohlbesetzten Speisetischen. Es müsste also Phineus sein, der nicht
gleich nach erfolgter Beraubung, sondern nachdem ihm der Tisch
aufs neue gedeckt worden, sich zu den Göttern wendete. Freilich
wäre das weniger rührend aber praktischer und nicht sowohl die
Reue als vielmehr der Hunger wäre es, was ihn beten lehrte. Doch
was wäre da überhaupt von dem traditionellen Phineus noch ge-
blieben? Nichts als die Blindheit und diese ja nicht einmal völlig
sicher. Kommen denn die Harpyien nicht sobald der Tisch gedeckt
ist?3) Oder warten sie bis er ausgebetet, um dann den Reumüthigen
ebenso wie früher den Zeusverächter4) heimzusuchen? Oder kommen
sie gar nicht, dem Mythos zuwider? Lauter Aporieen, die nur aus
der unbegründeten Annahme hervorgehen, dass der Alte Phineus sei.

Blind wie etwa Teiresias und andere Seher, oder nicht blind,
sehen wir den Alten in feierlicher, doch mit nichten blos dem König
eignender Ausstattung, das Haupt mit dicker Binde umwunden, das
Scepter zur Seite gestellt, die Hände zum Gebet erhoben vor dem
reich besetzten Tisch. Da das halbkahle Haupt hier augenschein-
lich nicht wie so oft sonst den alten Vater charakterisiert, wird in
der Situation dessen Erklärung zu suchen sein: es ist ein Priester,
alt wie Chryses, wie die o~uv THP« ßctpeTg iep% im Eingang des
König Oedipusü), dem als solchem auch das Skeptron zukommt.
Der Tisch mit den daraufgelegten und namentlich den herabhan-
genden Gegenständen gleicht dem Speisetisch0) neben Achilleus
eines ceretaner Gefässes Mon. Ined. d. Inst. VIII, 28, oder des
Herakles in Gerhards Auserl. Vas. II, 108. Benndorf hat in seiner
Erklärung des ersteren Bildes in den Annali 1866 S. 243, 3 andere

3) Apollod. 1,9,21 e-rreibr) tuj <t»ivoi -rrapeTiQexo Tpa-rreSa, eE oupavoO xa9-
iTrrciuevcu xä \\tv -rrXeiova ävr\puaZov u. s. w. Apollon. V. 225 f. mit den Scholien.

4) Apollon. V. 181 erzählt die Schuld wie die Strafe, aber auch die zugleich
mit dieser verhängte einstige Erlösung, ohne dass dieselbe an eine Bekehrung ge-
knüpft wäre. Zetes, der Boreade, möchte helfen, fürchtet aber der Götter Zorn.
Dass das überflüssig sei, beschwört Phineus. Kein Wort von Reue.

s) Auch in den von Stephani CR. 1868 S. 132 aufgezählten Opferbildern
(dazu noch Mon. ined. d. Inst, IX tav. LIII) ist der Opferbringer stets bärtig, wenn
auch nicht gerade alt.

6J Benndorf an gleich anzuführender Stelle S. 243, 2 findet den Tisch in
älteren Zeiten vierbeinig, später dreibeinig. Ist aber nicht die verschiedene Ansicht
der Beine und der Füsse z. B. an jenem Achilleustisch, an dem Tisch unserer
Nolaner Vase, des Phineus der Würzburger Vase und sonst, ebenso auf etruskischen
Darstellungen, z. B. Mon. ined. d. Inst. VIII, 2 auffällig? Ebenso Arch. Zeit. 1881
Taf. 3 VI.
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