Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 56
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1882/0060
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
56

auseinander liegen, sofort klar, wie sie nunmehr durch Zusammen-
stellung beider auf der Benndorfschen Uebungstafel C VIII jedem
in die Augen springen wird. Allerdings ist die ältere Darstellung
namentlich im Detail viel ausführlicher. Der mit weniger deutlichen,
zum Theil herabhangenden, wie anderwärts theils weiss, theils roth
gemalten Gegenständen hoch beladene Tisch steht im Freien neben
einem Baum, wie Bäume (und Quellen) im neuen und alten Griechen-
land gleichsam zur Ausstattung des Heiligthums gehören. Unter
dem Tisch steht ein gefüllter Korb, ähnlich der cmupig auf Dar-
stellungen von Symposien oder Eranoi, z. B. Jahn Darstellungen
griech. Dichter T. VII. Nicht eine sondern zwei Personen, beide
bekränzt, beide sorgfältig ins Himation gehüllt, so dass ausser Kopf
und Füssen nur rechte Schulter und Arm, dieser bei beiden ein
wenig gehoben, blos sind, befinden sich hier nicht stehend sondern
sitzend unmittelbar hinter dem Tisch. Lübbert, auch Stephani und
Heydemann erklären sie für Frauen; Wegen der entblössten Schulter,
wegen der Haartracht, wegen der in den Armen angedeuteten Mus-
culatur, und da Heydemann hier nichts von weisser Farbe sagt,
kann ich sie nur für männlich halten, obwohl Frauen für meine
Erklärung noch besser passen würden. Viel näher sind sie der
Handlung gerückt als die stehende Frau der Nolaner Vase (IM,
aber noch viel deutlicher als dort scheint es, dass sie nicht zum
Speisen gekommen sind und sich gesetzt haben. Aufmerksam sind
ihre Blicke auf den Priester — so dürfen wir hier unbedenklich
sagen — gerichtet, welcher ohne Chiton, mit Himation und Kopf-
binde, in der Linken ein Perirrhanterion und Lustrationszweige, in
der Rechten eine Schale über den Tisch haltend, mit weit geöff-
netem Munde betet. Der Kopf aber erhebt sich hier nicht zum
Himmel, sondern zu dem, was das Eigenthümlichste unserer Dar-
stellung ist, zu einer kleinen Aedicula auf hoher Stange, deren zwei
Thürflügel geöffnet sind, ohne dass doch ein Götterbild drinnen
sichtbar würde. Die hohe Stange, obwohl am Fussende sich ver-
dickend, lässt doch das kleine Heiligthum als ein transportables,
nur zu vorübergehendem Cultgebrauch hier in die Erde gepflanzt
erscheinen11). Welche Gottheit oder Gottheiten, denn unzweifelhaft
hätten der Form nach mehrere darin Platz, haben wir in dem vcüO"kos
zu denken? Die Beischrift Muo~toi, offenbar die zwei Sitzenden im

ll) Stephani a. 0. meinte, dass auch die Stange noch von der linken Hand
des Priesters gefasst würde. Das ist unmöglich und haben Schoene wie Heyde-
mann den Irrthum berichtigt.
loading ...