Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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Zweige31) gehören freilich auch zu andrem Opfergebrauch; bei den
Metragyrten aber und verwandten Bettelpriestern spielt ja alles
Kathartische eine besonders grosse Rolle. Kymbala und Tympana
dagegen sind auf unserem Bilde nicht zu sehen, und statt des Ekel-
haften, Albernen und Abgeschmackten, statt des Ausschweifenden
und Barbarischen, welches Lucian, Plutarch, die Komiker den Metra-
gyrten nachsagen, eher eine gewisse ehrbare Andacht. Nur die
starke Hebung des Kopfes und Oeffnung des Mundes an dem Priester
dürfen wir vielleicht als schwache Andeutung exaltirten Wesens
verstehen. Wir haben es ja mit einem frühen, ja dem frühesten
Zeugniss für diesen Cultus auf attischem Boden zu thun, und da
können wir wohl ein geringeres Mass der Extravaganzen auch in
der Wirklichkeit annehmen, und andrerseits dürfen wir auch der
noch unfreien Kunst eine mehr unfreiwillige als beabsichtigte Herab-
minderung und Zurückhaltung im Ausdruck solchen Wesens zu-
muthen. Vielleicht ist ja auch die Frage berechtigt, ob wir bei
einem Lekythienmaler dieselbe Schätzung jener Bettelpriester vor-
aussetzen dürfen, wie bei den andren Gesellschaftssphären ange-
hörigen Dichtern und Schriftstellern?

Ist denn aber so hohes Alter, spätestens doch die erste Hälfte
des fünften Jahrhunderts, nicht ein Hindernis für meine Erklärung?
Setzt doch Foucart, der nach Zoega und Lobeck diese Fragen
wieder behandelt hat a. 0. S. 64, die Einführung der Kybeledienstes
in Attika um 430 und meint damit jene von Julian or. V zu Anfang,
den Scholien zu Aristophanes Plut. 431 und Suidas unter unrpaYup-
reiv erzählte Geschichte von dem an der Stelle des späteren Metroon
ins Barathron gestürzten Metragyrten. Doch ist das angegebene
Datum ja selbst für das Bild im Metroon zu spät, sofern Pheidias
als dessen Meister gelten konnte. Wie lange vor Errichtung des
Metroon mit dem Bilde jene Tödtung sich ereignet — wenn über-
haupt je — entzieht sich ja näherer Bestimmung. Nach Analogie
ähnlicher Geschichten wird man jedoch eher eine längere als eine
kürzere Frist annehmen wollen. Wie sollten auch die wandernden
Priester dieser Göttin in Athen so viel später aufgetreten sein als
im benachbarten Theben, wo wir den Dienst schon von Pindar
recipiert kennen? Die Erwähnungen und Schilderungen der Göttin
und ihres Dienstes bei Sophokles im Philoktet, in Euripides' Bak-
chen, Orestes, Helena und selbst im Hippolytos führen uns nicht

31) Vgl. Benndorf Gr. Sic. Vas. S. 21, 96. Loeschcke Mittheill. d. deutsch,
arch. Inst, in Athen IV, 37 und Arch. Zeit. 1881 Taf. 3 II.
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