Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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Davon ist weitaus das Meiste, nämlich die letzten vier Worte,
schon von Boeckh (toTöv vu *) errdcraTo) und von Röhl (xr|eiv = xeieiv,
vgl. Curtius Verbum I2 305)**) gefunden worden. Nur die beiden
ersten Worte schienen unüberwindliche Schwierigkeiten zu bereiten.
Ich versuche sie durch zwei Annahmen zu lösen, die man schwer-
lich gewaltsame schelten wird. TTütivos ist als Appellativ (Flaschen-
fisch) neben ttutivt] (Flasche) nachgewiesen; ich setze voraus, dass
das Wort auch als Eigenname entweder wirklich galt oder doch in
scherzhafter Absicht (zur Bezeichnung eines Zechers) verwendet
werden konnte. Desgleichen gestatte ich mir die Voraussetzung,
dass der Doppellaut hier durch o"tt statt durch ttö" oder cpcr aus-
gedrückt ward, gleichwie der Vasenmaler Epiktet regelmässig erpcx-
acpev schrieb (C. I. G. 8161 ff.) oder in einer akrostichischen Grab-
schrift (226 Kaib., vgl. öst. Gymn. Ztschr. 1878, 433) E durch ük ver-
treten wird, um von den dorischen und äolischen Formen Otiakig,
crrreXiov, aiaqpog sammt Derivaten (Ahrens I 48—49) nicht zu sprechen
oder auch von der Schreibung euo~xduevog auf einer attischen Inschrift
(C. I. A-1 Add. zu n.353) ***); man darf übrigens in solchen Fällen
wohl auch an individuelle Verschiedenheiten der Aussprache denken,
etwa wie bei dem analogen KaXiTpacnri statt KaXXiaTpdTn, auf einer
Vase bei Brunn, Gr. Künstl. II 699 oder bei GpecmuuTUJV statt Oeff-
TrpuuTÜuv in einer dodonäischen Inschrift, Taf. 27, 2 Carap., um wieder
von den dialektischen Anomalien dieser Art wie bpiqpog, öXxog
u. s. w. abzusehen (Kühner I 224). Dem consecutiven Infinitiv
in eTTdcTonro xe?v entspricht am genauesten wohl das homerische
(6 44): tuj fap...Qeög bukev doibrjv | tep-rreiv „um damit zu er-
freuen". Durch das dorische Imperfect biipr) endlich (vgl. z. B. vkn,
C. I. G. 17) erhält die Inschrift festes dialektisches Gepräge und reiht
sich nunmehr wie im Alphabet so auch in der Sprache der kleinen
Zahl von Denkmälern an, welche die dorische Mundart der achäi-
schen Colonien in Unter-Italien vertreten (G. Meyer, Gr. Gramm.
XVI).

*) Der Hiat, sammt der to^ kc<tü TexapTOV xpoxaiov soll uns so wenig
kümmern, wie er Böckh gekümmert hat (C. I. G. I p. 869). Mag dieser Anstoss
schwerer oder leichter wiegen (vgl. Christ Metrik 2 §. 54 und Hermann's Orphica
p. 693) als jener, welchen der illegitime Hiat nach tlu in Hrn. Comparetti's Her-
stellung bietet (Christ §.232): kein Einsichtiger wird von dem 'Gelegenheitsvers eines
Unbekannten' (um mit Bückh zu sprechen) technische Vollendung heischen.

**) Die Vocalisation ist natürlich unsicher, da auch andere Möglichkeiten
vorhanden sind (Ahrens II 303).

***) Auch in der parischen Inschrift Inscr. ant. 400 war augenscheinlich
eöK£Tro{riö€v geschrieben und ebendort 404 ist mit ßlKYNGIX wohl eher 'OSuvBiq
als 5Oo"k\jv6(c; gemeint.
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