Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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mittein und allerhand sonstigen, namentlich ärtzlichen Bedarfstücken,
die ihm aus dem Konak von Smyrna und einem durch Herrn Heintze
organisirten Hilfscomite überwiesen worden waren, zur Stelle und
trat in das Rettungswerk, das die verzweifelte Indolenz der Ueber-
lebenden ausschliesslich den herbeieilenden Fremden überliess, mit
allen verfügbaren Kräften sofort energisch ein. Während er aus den
Häusertrümmern der Stadt und ihrer nächsten Umgebung eine
Anzahl Verunglückter ausgrub, fand F. von Luschan, dem der Schiffs-
arzt Herr Dr. Swoboda assistirte, in Daphnona, einem zwei Stunden
weit im Gebirge gelegenen Dbrfe, das mehr als ein Drittel seiner
Bewohner verloren hatte und wie die meisten kleineren Orte auf
der Ostseite der Insel noch weit härter als Scio selbst heimgesucht
worden war, eine entsetzlich grosse Aufgabe vor, die er mit uner-
müdlicher Hingebung im Wesentlichen erledigte. Die Calamität
war so trostlos allgemein und das bisherige Aufgebot von Beistand
so schwach und ungenügend, dass wir unsere Reise hätten ver-
schieben oder aufgeben müssen, wenn nicht durch das alsbaldige
Eintreffen neuer Schiffe, unter Anderem aller Stationäre von Com
stantinopel, Ersatz und durchgreifende Hilfe geboten worden wäre.

Die weitere Küstenfahrt benutzten wir zu einem kurzen Be-
suche von Halikarnass, Kos und Knidos. An dem letzteren Orte,
der uns durch seine an Girgenti erinnernde landschaftliche Herrlich-
keit besonders anzog, sind seit den englischen Ausgrabungen so
viel Trümmer beseitigt und ganze Ruinencomplexe von Humus und
Vegetation so vollständig wieder überdeckt worden, dass es unmög-
lich war sich annähernd in dem Newtonschen Plane zu orientiren.
Enttäuscht durch einen raschen Rundgang in dem ganzen Stadt-
gebiete, beschäftigte uns eingehend dagegen die Untersuchung eines
JurukenWebstuhls, den wir vor einer einsamen in die Trümmer einer
alten Mauer eingebauten Hütte im Freien aufgeschlagen fanden. Seine
zum Verwundern einfache Form — zwei aufrechtstehende Pfosten mit
zwei horizontalen ungehobelten Querhölzern, an denen die Kette
senkrecht aufgespannt ist — und die primitive Art der Arbeit,
welche von einer Frau, die den Einschlag mit der Hand ohne Web-
schiffchen durchführt, kauernd oder stehend geleistet wird, ist in
den neuerlichen Untersuchungen über die Webstühle der Alten un-
beachtet geblieben. Diese sicherlich uralte Technik, die wir dann
in Lykien und Karien, an manchen Orten allerdings neben der
entwickelteren Form eines Webstuhles im eigentlichen Sinne des
Wortes überall antrafen, soll in ganz Kleinasien verbreitet sein, wie
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