Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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auf. In bereits sommerlicher Glut war der Anstieg auf noch unge*
wohnten ungemein mühsamen Steilpfaden, wie sie in ganz Lykien
eine wahre Landplage bilden, höchst beschwerlich, und eine vor-
läufige Untersuchung zweier noch unbekannter antiker Ortschaften,
über die der Weg führte, hielt uns auf. Spät und erschöpft kamen
wir auf dem gegen 1800 Fuss hohen Rande des Küstenplateaus an,
aber hier Hess sich bereits der Gipfel von Gjölbaschi von Weitem
erkennen und noch am Abend desselben Tages waren wir so
glücklich ihn zu erreichen. Wir verdoppelten unsere Anstrengungen,
als wir auf der Sattelhöhe des steilen Berges angelangt die von
Schönborn geschilderten Stadttrümmer mit ihren Sarkophagen
erkannten und bald darauf an dem Ostende der nach Norden weiter
aufsteigenden Akropolis die Reliefstreifen einer langen Mauer er-
blickten, die dem Heroon angehören musste. Vorauseilend arbeitete
ich mich durch dorniges dichtes Gebüsch und Steingeröll athemlos
rasch empor, auf das Eingangsthor zu, das sich in bedeutendem
Abstände über den steilabfallenden Abhang, in der Mauer öffnete.
Ohne bei dem Nächstliegenden, das in seiner Eigenart die Erwar-
tungen steigerte, zu verweilen, kletterte ich erregt in den Stein-
fugen der Mauer zur Thorschwelle hinauf und sah mich im Innern
der Ruine plötzlich einer Fülle von Bildwerk gegenüber, die von
benachbarten hohen Bäumen überragt und von innen aufgeschos-
sener Vegetation theilweise reizvoll verdeckt', im Glänze der sinken-
den Sonne einen wunderbaren Anblick gewährte. Ich bekenne, dass
diese ersten Augenblicke der Betrachtung an dem langerstrebten
und nun glücklich erreichten Ziele, in lautlos weihevoller Stille und
Abgeschiedenheit einer grossartig ausgebreiteten Natur, Steinwildniss
ringsumher, mit dem Ausblick auf eine von Schneeketten umsäumte
schluchtenreiche Gebirgslandschaft und das hochgewölbte endlose
Meer, zu den tiefsten Eindrücken meines Lebens zählen.

In schlichten Worten, die zu wiederholen Pflicht ist, hatte der
erste Entdecker, dessen noch keineswegs nach Verdienst bekannten
tapferen Recognoscirungen wir seither mit besonderer Theilnahme
gefolgt sind, den Gesammtcharakter der Sculpturen treu und treffend
ausgesprochen. Nachdem er das Mauerviereck mit seinen beiden
innen umlaufenden Relieffriesen, welches den grossen offenen Hof
der Grabstätte einfriedet, eingehend beschrieben, sagt Schönborn,
dass er sich in Verlegenheit finde, was er über die Reliefs selbst
sagen solle. „Ich würde es vermögen, wenn ich mich hätte ent-
schliessen können, Notizen zu machen, statt mich an der Schönheit
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