Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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Studium des Schönbornschen Peribolos, und empfanden es als ein
Glück dass Herr Burger, der vom Schiff herauf nachkam, dasselbe
durch achtzehn Photographien, die ihm innerhalb vierundzwanzig
Stunden gelangen, ergänzen konnte. Mit diesem Besitze gingen wir,
vorläufig befriedigt und auf eine baldige Rückkehr vertrauend, wieder
zurück, um unsere Reise nach Makri, dem alten Telmessos, auf dem
„Taurus" fortzusetzen.

Ueber den weiteren Verlauf unserer Fahrt, welche in der Karten-
skizze Niemanns auf Tafel V verfolgbar ist, kann ich mich kurz
fassen, um so mehr als ihre wissenschaftlichen Einzelergebnisse in
Lykien eine wie immer beschaffene Nachlese zu der vollen Ernte
der genannten früheren Forscher bezeichnen. Die auf einen ersten
kühnen Wurf meisterlich gelungene Landkarte von Spratt bedarf
wie natürlich noch vielfacher Nachbesserung und täuscht zuweilen
über das wirklich erreichte Wissen durch eine gleichmässige Voll-
ständigkeit, welche vielleicht überwiegender auf Schlüssen als auf
Beobachtungen beruht. In den Beaufortschen Aufnahmen der Küste
stellten sich entschiedene Fehler heraus, welche um so belangvoller
sind, da die englische Seekarte die einzige Grundlage für den Auf-
bau der Itinerarzeichnungen bildet. Die antike Chorographie Lykiens
kann wohl in der Hauptsache nach unseren zahlreichen Kreuz- und
Quertouren der beiden letzten Jahre jetzt für erschöpft gelten, neue
grössere Ortschaften wenigstens werden kaum in irgend einem dunklen
Winkel der zerrissenen Gebirgslandschaft mehr vorauszusetzen sein.
Vollauf zu thun gibt es jedoch noch überall, zumal an den grös-
seren Trümmerplätzen, welche bisher kaum mehr als flüchtige Mu-
sterungen erfahren haben, eindringenderen Studien freilich, wie in
Tlos und Patara, durch ihre grandiosen Wildnisse ungewöhnliche
Schwierigkeiten in den Weg legen. Wie wir uns überall, wo wir
eingehender Umschau hielten, durch vielfache Funde namentlich
von Inschriften belohnt sahen, so dürfte auch in Zukunft weniger von
raschem Reisen als von längerem Verweilen an einzelnen Orten
eine Erweiterung der Kenntniss zu gewärtigen sein. Schwerlich wer-
den aber diese genaueren Erforschungen das Gesammtbild erheblich
ändern, welches sich schon jetzt durch Verwerthung aller vorliegen-
den Beobachtungen unter Controle von Autopsie, über die Cultur und
Geschichte des Landes gewinnen lässt. Wie ich überzeugt bin,
wird sich dasselbe wesentlich anders und durchgängig einfacher
gestalten, als nach den begeisterten Schilderungen des grossen

Archäologisch-epigrapMsclie Mitth. VI. ji
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