Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 162
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1882/0166
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
162

Retterschen Werkes zu ahnen war. Trügt nicht Alles, so darf die
sicherlich überschätzte Lebenshaltung der alten Hauptbevölkerung
unmöglich wesentlich höher angenommen werden, als die primitiven
heutigen Zustände veranschaulichen, welche sich als ein kaum anders
fassbares Ergebniss der bleibenden Bodenbeschaffenheit darstellen,
und sie ist für die meisten Theile des Landes bis in späte Zeiten
scheinbar ohne jede Entwicklung geblieben. Abgesehen von den
unteren Theilen des Xanthosthales und einigen Küstenorten ist der
interessante Process einer allmählichen Gräcisirung, der sich an den
Monumenten verfolgen lässt und gegenwärtig in analogen Formen
zu wiederholen beginnt, erst unter dem Schutze der römischen Herr-
schaft in FIuss und zu einem endlichen Abschluss gekommen. Be-
zeichnend dafür ist, dass von den Tausenden verwitterter Kalkstein-
inschriften, die in ihrer stereotypen Leere die Geduld des Entzif-
fernden ermüden , abgesehen natürlich von den lykischen, die wir
um eine immerhin beträchtliche Reihe, freilich um keine neue bi-
lingue vermehren konnten, nur eine verschwindend kleine Zahl in
vorchristliche Zeit hinaufreicht. Anticaglien, Bronzen und Terra-
cotten, woran es in Gebieten alteingesessener griechischer Cultur
kaum irgendwo zu fehlen pflegt, sind uns trotz aller Nachfrage so
wenig wie früheren Reisenden vorgekommen, eine Thatsache, die
sich aus der Indolenz der heutigen Bevölkerung und dem niedrigen
Stande ihrer Bodenwirthschaft unmöglich allein herschreibt. An
Münzen wurde uns überall byzantinisches Kupfer in grosser Menge
und meist elend erhaltene Bronzen der römischen Kaiserzeit ange-
boten. Leidlich conservirte lykische Münzen, namentlich von Silber,
waren überaus selten und gingen hoch im Preise. Dies macht
freilich zunächst die regelmässige Nachfrage begreiflich; welche von
Smyrna und Makri-Lewissi aus, an welchem letzteren Orte ein be-
rüchtigter Münzfälscher seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, durch
umherziehende Agenten überraschender Weise bis in die entlegen-
sten Gebirgsorte betrieben wird.

Nach Beendigung unserer lykischen Reise, die im Verlaufe
eines vollen Monates uns an alle Hauptorte im Westen und Süden
der Landschaft geführt und unter Anderem die Entdeckung einiger
neuer Ruinenplätze und des lykischen Bundesheiligthumes südlich von
Xanthos, ferner durch Inschriftenfunde, wie ich glaube, Klarheit über
die streitige Lage des Kragos und Antikragos und eine Verände-
rung im unteren Xanthoslaufe ergeben hatte, brachen wir Anfang
Juni von Makri aus nach Norden über Kadyanda in das rauhe
loading ...