Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 163
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Gebirgsland auf, welches Lykien von Kariert scheidet. Dieser Theil
der Reise war der beschwerlichste von allen, aber durch Aufklär-
ungen über ein noch völlig dunkles, an Naturschönheiten überrei-
ches Gebiet vollauf belohnt. Zwei Paare zusammenhängender lang
verlaufender Alpenketten, im Norden der Boz- und Sandiras-dagh,
im Süden der Pirnas- und Eldschik-dagh sind es, die in weitem
nahezu parallelem Abstände von einander den Lauf des mächtigen
Dolomantschai, der von seinem Ursprung in der südlichen Kibyratis
bis zu seiner Mündung im Ganzen vier verschiedene Namen trägt,
begleiten und in zahllosen rasch und wild abfallenden Querthälern
mit ihrer Wasserfülle speisen. Auf einem hohen Passe östlich vom
Eldschik-dagh übersetzten wir den Südrand dieses gewaltig abgeschie-
denen, von menschlicher Cultur nur oasenweise berührten Gebietes,
aus dessen unabsehbarem Urwalde von hohen völlig unterholzloseD
Fichten und Tannen die alten Kaunier ihren Reichthum gewonnen
haben mögen. Durch falsche Angaben verleitet irrten wir in dem-
selben ohne Führer mehrere Tage lang auf und ab, bis wir den bis-
her nur dem Namen nach bekannten Eskereboghazpass erreichten,
der uns zwischen dem Boz- und Sandiras-dagh hinüber in das ka-
rische Hochland brachte. Statt hier in einen unwegsamen Gebirgs-
district zu gerathen, welcher angeblich nur im Hochsommer von
Turkmenen bewohnt, und durch Räuberbanden unsicher gemacht
sein sollte, waren wir überrascht, in eine ausgedehnte gutbebaute
und künstlich bewässerte Ebene mit zahlreichen Dorfschaften und
einer sesshaften wohlbegüterten Bevölkerung einzutreten, deren
Cultur wohlthätig gegen die prähistorische Armuth der lykischen
Alpenweiler abstach. In dieser Ebene (Eskeretschukuruowassi)
auf der wir vergeblich nach Ruinen Umfrage hielten, vermuthet
Kiepert die von Stephanos von Byzanz erwähnte Skiritis. Pnre
Gewässer bilden die ersten Zuflüsse des am Eskereboghazpass
entspringenden Aktschai (Harpasos), der sich mithin früheren Vor-
aussetzungen entgegen als der längste Nebenarm des Maiander
herausstellt. Wir konnten seinen Lauf vorläufig nur bis zu dem
Dörfchen Irmak verfolgen*) und zogen auf einem nach Dawas
führenden Karawanenwege, welchen P. v. Tschihatscheff bereits ein-

*) Unsere Aufnahmen und Beobachtungen sind wenige Monate später durch
den österreichischen Consularagenten von Aidin, Herrn Bratic, bestätigt worden, der
von ihrer Mittheilung Anlass nahm den Lauf des Aktschai vom Maianderthale aus
bis in die Eskeretschukuruowassi zu verfolgen.

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