Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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bethätigten, konnten wir sie auf bequem gangbarer Strasse nicht
blos zum Heroon hinauf sondern abwärts bis an den Ostrand von
Tschukur geleiten. Kurz darauf mit Anbruch des Sommers kehrte
sich ein anderes Gesicht heraus. Die allerdings im Voraus schwer
schätzbaren Schwierigkeiten der grossen Serpentine, die mit sie-
benzehn langgezogenen Kehren in meist bedeutendem Gefälle
hinabführte, wuchsen mit jedem Tage, mit den zunehmenden Ent-
fernungen wurde die Verköstigung der Arbeiter immer umständ-
licher, wie Gewitter erfüllten die unaufhörlichen Minendonner das
Gebirge, sengend ruhte die Tagesgluth, kaum gemildert durch den
Luftzug der Thalspalte, an ihren abschüssigen Wänden. Zu un-
serem Leidwesen mussten wir den Gedanken aufgeben, noch im
Laufe des Sommers Ausgrabungen in Lagina vorzunehmen und
waren froh, als in der zweiten Hälfte des Juli der Wegbau endlich
vollendet war. In allen Widerwärtigkeiten mit unerschütterlicher
Ruhe ausdauernd hatte der leitende Ingenieur eine Leistung voll-
bracht, mit welcher ein Geschenk an den ganzen District, der da-
mit eine bleibende Verbindung mit dem Meer erhielt, und ein ge-
rechter Anspruch auf eine billige Theilung unserer Funde gegeben war.

Die Tage des Mai waren auch in anderer Hinsicht die glück-
lichsten die wir erlebt haben. Während später mehrere Expedi-
tionsmitglieder zurückkehrten, andere zur Fortsetzung der Studien
in das Hochland aufbrachen und mit Herrn von Knaffl nur Löwy
und ich am Platze blieben, waren wir damals abgesehen von kurzen
Touren, welche von Einzelnen ausgeführt wurden, sämmtlich auf
der Höhe von Gjölbaschi vereinigt und in frischem Zuge ein jeder
bei der übernommenen Arbeit. Petersen untersuchte die Stadt-
trümmer und die Ruinen der nächsten östlichen Umgebung; Niemann
nahm das Heroon landschaftlich und architektonisch auf, vermass
die Akropolis und den neuen Weg und vereinigte die einzelnen
Routiers zu einem bis Myra und in die Jalibai reichenden Gesammt-
bilde der Oertlichkeit. Von Luschan photographirte alle Funde in
grösseren) Maasstabe als im vorigen Jahre geschehen war und war
ausserdem von Früh bis Abend mit einem grossen Zulauf von
Kranken beschäftigt, welche zum Theil viele Tagereisen weit, meist
in beklagenswerthem Zustande und namentlich oft mit traurig vor-
geschrittenen Formen contagiöser Blutskrankheiten, zu ihm kamen.
Schneider zeichnete die wichtigsten Relieffriese, Tietze trug von seinen
geologischen Begehungen des Dembreplateaus Mineralien zusammen
und unternahm anderweitige Ausflüge, die ihn in das nördliche

Archäologisck-epigraphische Slitth. VI. 12
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