Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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zuweisen. Charakteristisch ist, dass selbst die fünf Stunden lange
und über eine Stunde breite Ebene des oberen Dembrethales, in
der sich heute der zweitgrösste Ort des Landes, Kasch, befindet,
es zu keiner antiken Niederlassung brachte, sondern offenbar von
einer Reihe kleinerer Burggemeinden (Arnea, Kandyba, Phellos, Tyssa)
exploitirt wurde, die sich wie im Kranze auf den Gipfeln der um-
gebenden Höhenzüge eingenistet hatten. Man begreift aus Allem,
und findet es in dem Eindruck der gegenwärtigen Lebenszustände
namentlich im Gegensatz zu der ungleich höheren Entwickelung
im Norden Kleinasiens bestätigt, wie lang und zähe sich hier ur-
thümliche Sitte und eine fremde Sprache erhalten konnte. In diesem
Fortbestehen einer halb prähistorischen Gesittung, in dem beschei-
denen aber sicheren allmählichen Vordringen hellenischer Cultur,
und in dem raschen gleichmässigen Segen der römischen Herrschaft
in der Kaiserzeit, welche ihren erstaunlichen Wohlstand mit einem
Male in die entferntesten Bergwinkel wirft, Theater um Theater,
palastähnliche Granarien und grossartige Häfen baut, liegt der Haupt-
reiz und das geschichtliche Interesse, das ein archäologisches Stu-
dium der Landschaft darbietet.

Auf dem gegen sechs Stunden langen und drei Stunden breiten
Dembreplateau baut sich im Osten (Tafel VI), da wo der Dembrefluss
eine merkliche Einbiegung seines Laufes beschreibt, eine isolirte
Berggruppe auf, gewissermassen eine zweite höhere Terrassenstufe
bildend, auf welcher der Gipfel von Gjölbaschi die höchste Erhebung
bezeichnet. Ueberaus steil fällt sie nach Norden in das Hochthal
von Tschukur, nach Süden in eine nach Myra verlaufende Spalte
ab, während sie sich nach Osten in reich bewegtem, stellenweise
bebauten oder bewaldeten Terrain bis an den Rand des Dembre-
thales senkt, dessen schroffe Felswände hier unersteigbar sind;
zugänglich ist allein der Westabhang, der sich in die Ebene
von Gewren verliert. In dieser Weise von der Natur selbst ver-
theidigt und vom Meere wie vom Binnenlande aus nur in mehr-
stündigem mühsamstem Anstieg erreichbar, hatte der Ort durch Be-
festigungen gesteigerte Sicherheit erhalten. Um den von Südwest
nach Nordost streichenden Kamm der kleinen Burg und südlich weiter
abwärts in der Sattelhöhe des Berges lief eine starke Polygonmauer,
die jetzt nur streckenweise zu verfolgen und in ihrer ursprünglichen
Anlage von spätem Zubauten, die bis in das Mittelalter zu reichen
scheinen, nicht immer klar zu unterscheiden ist.
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