Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 191
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„Ob die geschilderte Beschaffenheit des Gesteins den Künstler
möglicherweise bisweilen zur Anpassung seiner Arbeit an kleine
Unebenheiten der von ihm behandelten Flächen genöthigt haben
kann, ist eine weitere Frage, welche aber natürlich nur von Fach-
männern auf dem Gebiete der Kunst entschieden werden kann.
Hier konnte wohl nur die Möglichkeit einer darauf bezüglichen
Discussion angedeutet werden."

„Wenn dem Gesagten nach das bei der Errichtung des Heroon
benützte Gesteinsmaterial (obschon für Bauzwecke vorzüglich) für
bildhauerische Thätigkeit nicht unbedingt als vortheilhaft bezeichnet
werden darf, so muss doch andererseits hinzugefügt werden, dass
weit und breit in dem betreffenden Theil von Lykien ein besseres
dafür nicht aufzufinden gewesen wäre, wie nach der bei der geolo-
gischen Bereisung dieses Landes gewonnenen Uebersicht getrost
behauptet werden kann. Sind aber Unzukömmlichkeiten oder be-
sondere Schwierigkeiten in dem verfügbaren Material zu überwinden
gewesen, dann kann deren glückliche Besiegung bei Beurtheilung
des Kunstwerks dem Künstler und der Bewunderung für denselben
nur zu Gute kommen."

Mit Ausnahme einiger Verzierungen des Thürsturzes waren die
wie bemerkt innen an allen vier Wänden und an der Eingangs-
mauer aussen angebrachten beiden Friessstreifen, welche einst eine
Gesammtausdehnung von über hundert Meter laufender Fläche re-
präsentirten, sämmtlich flache Basreliefs. In der bekannten alt-
üblichen Technik sind sie durch Hineinarbeiten den Mauersteinen
abgewonnen, nachdem diese in den Bau bereits versetzt waren.
Dies letztere geht aus den schmalen Umrahmungen hervor, welche
längs den Fugen stehen geblieben und mitunter für Parerga der Com-
position (Bäume, Säulen, einmal ein Tropaion) verwendet worden
sind, meist aber den Zusammenhang der Composition wie die Blei-
bänder eines mittelalterlichen Glasmosaiks durchschneiden. Wären
die Reliefblöcke fertig in den Bau versetzt worden, so würden diese
oft sehr schmalen Ränder zumal bei der für altgriechische Praxis nach-
lässigen Bearbeitung, welche dieStoss- und Lagerflächen der Bausteine
zeigen, unvermeidlich mitunter abgekantet sein, was nirgends der
Fall ist. Schwer verständlich ist aber ihre Existenz an sich, für
die ich weder ein sicheres Analogon noch einen Grund anzuführen
weiss, der aus der Technik selbst oder der Natur des Gesteins klar
herzuleiten wäre. Mit der verschiedenen Höhe der Quadern wech-
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