Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 192
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1882/0196
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
192

seit die Höhe der Friese, so dass die Figuren zwischen ein Viertel
und ein Drittel der Naturgrösse variiren. Auch sonst finden sich
Unregelmässigkeiten, welche auf ein rasches sorgloses Verfahren bei
der Ausführung hindeuten. Schlechthin singulär erscheint die un-
mittelbar paarweise Anordnung der Friese übereinander, welche an
vielen Stellen durch ideelles oder factisches Ineinandergreifen der
Composition wieder aufgehoben ist. Ohne Frage ist sie der Technik
der Malerei entlehnt — ein an sich vielerklärender Umstand, der
gleich hier nachdrücklich hervorgehoben sein mag — und hat in
den Reliefstil damit eine Freiheit der Ausbreitung und Schilderung
übertragen, welche sich mehrfach geradezu mit dem Eindruck von
Gemälden berührt.

Der Stein aus dem die Reliefs gearbeitet sind, sieht in frischen
Bruchstellen weissem Marmor täuschend ähnlich und hat von einigen
rothgelben Partien abgesehen, welche von einer Oxydirung eisen-
haltiger Bestandtheile herrühren dürften, gleichmässig einen schönen
grauen Ton und ein mehr oder weniger poröses Aussehen erhalten.
Vielfach ist er mit kleinen Flechten überzogen, am meisten scheint
ihn die Seeluft angegriffen zu haben. Die am stärksten verwitter-
ten Reliefs sind diejenigen der Nordmauer und der Aussenseite der
Südmauer, die den Sciroccostürmen vom Meer her ausgesetzt waren;
weit besser haben sie sich an der Westwand, noch glücklicher an
der Südmauer innen erhalten. Im ganzen stehen aber nur bei we-
nigen Blöcken und auch da nur streckenweise wo das Gestein zu-
fällig eine besonders harte Textur hatte, die ursprünglichen Relief-
oberflächen an, mehr oder weniger tief hat sie die Verwitterung fast
überall beschädigt. Ist damit der Reiz der Ausführung, welcher an
Sculpturfragmenten von Marmor für allen sonstigen Ruin zu ent-
schädigen pflegt, bis auf verhältnissmässig geringe Spuren so gut
wie verwischt, so hat doch die Deutlichkeit des Gegenständlichen
in den Umrissen Bewegungen und: Attributen der Figuren und die
Wirkung der künstlerischen Motive an sich merkwürdig wenig da-
runter gelitten. In langer gesichert fortlaufender Folge, wie sie mit
Ausnahme des Parthenon und des Pergamener Altars zufällig kein
grösseres griechisches Bauwerk bewahrt hat, kommt die Composi-
tion des Ganzen nach ihrer Idee und Gliederung zu klarer Geltung,
etwa wie von einem verschwundenen Gemälde die erhaltene Carton-
skizze einen Begriff gibt. In erfreulicher Weise tritt schon bei
erstem flüchtigen Betrachten der griechische Charakter der Reliefs
durchgängig hervor, in allem Einzelnen, in der Anlage der Figuren
loading ...