Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 195
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1882/0199
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
195

Hand. Belebt wird die Reihe durch drei langbekleidete weibliche
Gestalten, von denen die eine mit aufgelöstem Haar entflieht, die
zweite von ihrem Räuber mit beiden Armen um den Leib gepackt
fortgetragen, die dritte von einem Kentauren rückwärts am Halse
umschlungen und zu Boden gedrückt wird. Deutlich ist die Gruppe
des Kaineus zu erkennen. In der Gesammtauffassung wie in der
Wahl der einzelnen Situationen berührt sich die Composition ent-
schieden mit den entsprechenden altattischen und fordert zu Ver-
gleichen auf, die indessen, so viel ich bis jetzt sehe, weniger stricte
Wiederholungen ergeben, als man nach der Erinnerung vorauszu-
setzen geneigt ist. Einer Gruppe des Theseionfrieses gleicht am
meisten durch die nemliche Anordnung und Orientirung ein Kämpfer-
paar: rechts der Kentaur hoch aufspringend, mit beiden erhobenen
Armen einen Baumstamm schwingend, links der ins Knie gesunkene
Lapithe den mit Gewand umschlungenen linken Arm ihm entgegen-
streckend. Den Bedingungen der Friesfläche entsprechend legen
sich die Gruppen breiter auseinander als an den Metopen des Par-
thenon und gewinnen dadurch eine lebhaftere Action, sind aber
loser verbunden und matter gedacht als am Theseion oder gar am
Phigaliafriese. Fühlbar wird dieser Abstand namentlich an einem
Kampfschema, welches der Phigaliafries in der Hauptsache gleich-

b

artig enthält: ein nach rechts gewandter Lapithe stellt seinem nach
links niedergebeugten Gegner ein Bein, indem er ihn um den Hals
packt. Wie gelähmt stemmt sich hier («)*) der Kentaur mit dem

*) Die Zeichnung1 ist aus den Skizzen R. Schneiders gebaust, welche über-
haupt für die Beschreibung1 der beiden Friesstreifen dieser äusseren Wandseite viel-
fach zu Grunde lagen.
loading ...