Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 200
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1882/0204
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
200

für die Art und Bestimmung des Ganzen. Schon durch ihre von
allem sonstigen Bildwerk abstechenden Dimensionen fallen sofort
zwei lebensgrosse eigenthümlich bewegte Gestalten in die Augen,
welche das schmale hohe Viereck der beiden Thürpfosten
ausfüllen. Es sind zwei tanzende Jünglinge , die man nach ihrer
zierlichen Haltung und ihren weichen Formen auf den ersten Blick
für weiblich halten kann. Im Wesentlichen symmetrisch componirt,
stehen sie, den untern Theil der Figur im Profil nach der Thür-
lichtung zugewandt, wie im Vorschreiten begriffen auf den Fuss-
spitzen, während sie den Oberkörper in Vorderansicht zeigen und
den einen Arm gesenkt, den andern in verschiedenem Schema in
der Höhe der Achsel erhoben halten. Sie haben lang gelocktes,
jedoch nicht bis auf die Schultern reichendes Haar, tragen einen
dünnen ärmellosen Chiton, der bis auf die Mitte der Oberschenkel
herabreichend alle Körperformen auch die für das Geschlecht ent-
scheidenden, leise durchscheinen lässt und führen auf dem Kopf
einen nach oben trichterförmig sich erweiternden hohen Aufsatz, in
dem wohl ohne Frage ein Kalathos zu erkennen ist. Ihre ganze
Erscheinung gemahnt an die Darstellungen der Kalathostänze,
welche nach den Auseinandersetzungen L. Stephani's *) im Demeter-
cultus und hauptsächlich in den kleinasiatischen Artemisdiensten
gebräuchlich waren. In Lykien muss ihnen irgend ein sepulcraler
Bezug zukommen, der ja mit der Natur dieser Dienste an sich
wohl vereinbar ist. Diese sepulcrale Bedeutung wird nicht blos
hier durch die Stelle an der die Tänzer angebracht und die Art
und Weise wie sie hervorgehoben sind, sondern durch die Ueberein-
stimmung anderer lykischer Grabdenkmäler erwiesen. Ein Sarko-
phag der in dem oberen Theile der Stadt Xanthos unter der Akro-
polis in Trümmern liegt, zeigt in dem einen Giebelfelde seines spitz-
bogigen Daches zwei weibliche Figuren in durchaus gleicher Tracht
und Bewegung, und nach einem aufgefundenen Fragment war auch
der im Heroon befindliche Sarkophagbau mit einer ähnlichen Dar-
stellung versehen.

Die Musik zum Tanze liefern acht gnomenhafte nackte Ge-
stalten, welche nebeneinander auf dem Thürsturze zu sehen sind.
Während die Tänzer an den Thürpforten zu den verhältnissmässig
besterhaltenen Stücken des ganzen Baues gehören, sind diese kei-
neswegs stärker exponirten Verzierungen des Thürsturzes merk-

= ) Stephaui Compte-rendu 1861 S. 63 folg.
loading ...