Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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dem obern entwickelt sich eine Reihe von acht ihrer Länge nach
nebeneinander gestellten Betten mit paarweise gelagerten Zechern,
hin und wieder unterbrochen durch die Gestalt eines herbeieilenden
oder den Becher darreichenden Knaben. Wie zur Compensation
gegen diese etwas monotone Breite betont der untere Streifen die
Verticale in einer Reihe von jugendlichen, meist weiblichen Gestalten,
welche in annähernd gleichem Abstände von einander streng auf-
recht tanzen oder musiciren. Es ist ein ruhiger zierlicher Tanz?
den sie aufführen, mit überraschend freien und realistischen Ge-
wandmotiven. Ein Schenktisch mit zwei Gefässen (in Form der
sogenannten Lekane) und zwei Mundschenken rechts am Ende
vervollständigen die Scene.

Formell ungleich bedeutender und auch sachlich von höherem
Interesse sind die Reliefs auf der Westhälfte der Südmauer
linkerhand wenn man aus der Thür eintritt. Wie eine von Emanuel
Löwy im Drange der Zeit rasch hergestellte vorläufige Skizze, in
welcher sorgsam alles noch Erkennbare reproducirt, störendes Detail
der zufälligen Erhaltung übergangen ist, auf Tafel VII VIII oben
veranschaulicht, ist hier für den obern Streifen ein Stoff der Odyssee
für den untern die Meleagerjagd gewählt, wobei für den ersteren
mit seiner längeren Front von Betten eine Rücksicht der Symmetrie
auf das conform sich hinziehende Gelage der östlichen Wandhälfte
mitbestimmend gewesen sein mag.

In der Composition, welche den untern Streifen ungetheilt
und bis auf einen fehlenden Block und einige kleinere ausgesprengte
Stellen vollständig ausfüllt, nimmt man auf den ersten Blick alle
Vorzüge einer in langer Tradition gewonnenen Durchbildung des
Stoffs wahr. Ein geschulter edler Geschmack, auf klare Gliederung
und leichte lebensvolle Lockerung des Ebenmaasses bedacht, be-
herrscht das Ganze und lässt ahnen, dass es mit besonderer Vorliebe
ausgeführt war, wie es noch jetzt ohne Frage als das künstlerisch
vornehmste Stück des gesammten Bilderschatzes dasteht.

Centrum der Darstellung ist der Eber, den namentlich die
Zeichnung des Kammes und der geringelte Schwanz gut charak-
terisirt. Er nimmt indessen nicht genau die Mitte ein, sondern ist
etwas weiter nach links, in die Richtung nach der er rennt, gerückt;
fein ist sein Vordringen auch durch das stark betonte Zurückweichen
und die heftigere Bewegung der Figuren auf der linken Seite aus-
gedrückt, während die hinter ihm folgende Jägerreihe sich länger
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