Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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auszusprechen gilt durch keine laute Nebenwirkung zu stören, aber
hinreichend deutlich ist der Schauplatz durch mehrere uncanellirte
Säulen mit auffallend kleinem dorischem Capital, welche die Stein-
fugen verdecken, und durch eine Thür am linken Ende als der
Männersaal des königlichen Palastes bezeichnet. In diesem ruhen
die Freier auf ihren Betten, je zwei auf einem, deren im Ganzen
sieben in zwei Abtheilungen zu drei und vier nebeneinander stehen.
Trinkgefässe und eine grosse schön geformte Amphora, die sich
auf einer eigenen Basis zu Füssen des ersten Freiers erhebt, deuten
das Gelage an. Der Moment der Handlung ist aus dem ersten Ab-
schnitte der homerischen Erzählung gewählt, der das charakteri-
stische Motiv des Bogenschiessens bot, ehe der Kampf mit den
herbeigeholten Waffen beginnt und in regelrechte Schlacht ausartet.
Wie die Odyssee es schildert, steht Odysseus am Eingange des
Saales bei der Thür, sofort erkennbar an der üblichen Tracht und
seiner kühnen Haltung, die von sonstigen Stellungen der Bogen-
schützen bemerkenswerth abweicht. Pfeil und Bogen sind nicht
plastisch angegeben, wie die völlige Erhaltung der ganzen Relief-
partie sicher stellt, sondern wahrscheinlich gemalt zu denken. Ihm
zur Seite an seiner Rechten, in gleicher Haltung, aber im Wuchs
wie im Schritt bescheiden zurücktretend steht Telemach, mit dem
gezückten Schwert den Bogenschützen gegen einen etwaigen An-
griff deckend, Vater und Sohn einmüthig vereint, eine geschlossene
schöne Gruppe, die durch das gleichzeitige siegessichere Vordringen
und eine analoge Vertheilung der Rollen an die berühmten Tyran-
nenmörder erinnert.

Ihrem Heldenmuth gegenüber entfaltet sich die Ohnmacht der
Freier; einige sind bereits getödtet, alle anderen beherrscht Schrecken
und die Sorge um Abwehr. Auf dem ersten Bette neben dem
Kämpferpaare liegt Eurymachos, der mit erhobenem Arme allein
von allen aber vergeblich um Gnade fleht (Od. XXII 45 folg.).
Seine Nachbarn sind aufgefahren und knieen auf den Betten, der
eine hat einen Tisch ergriffen den er als Schild vorhält, der andere
zuckt zusammen und fährt mit beiden Händen in den Rücken, wo
ihn ein Pfeil verwundet hat. Ein vierter ist von dem Lager ver-
muthlich des Eurymachos herabgesprungen und zurückgewichen
und hält sich ängstlich das aufgelöste Gewand zum Schutze vor.
Dann folgt Antinoos, den als den ärgstfrevelnden Odysseus zuerst
tödtet, als er das Trinkgefäss zum Munde führt und der hier
entseelt daliegt, die rechte Hand im Nacken, während der leblos
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