Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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der von Polygnot im Pronaos des Tempels der Athena Areia in
Plataiai gemalte Freiermord, über den allerdings sonst nichts be-
kannt ist, die bindende Grundidee und aus einer sicherlich reichen
Fülle von Gestaltungen Anlass zu immer neuen Einzelverwerthungen
dargeboten habe.

Ist eine natürliche Erwartung berechtigt, so wird man in der
kürzeren linken Hälfte des Streifens Penelope mit ihren Diene-
rinnen erblicken dürfen. Ganz im antiken Sinne, meine ich. verlangt
man den vorgeführten Kampf gewissermassen durch den Anblick des
Kampfpreises ergänzt und begreiflich gemacht zu sehen. Das Frauen-
gemach würde nicht blos durch den räumlichen Gegensatz des
Ortes und die Anwesenheit der Frauen an sich, sondern durch das
linkerhand aufgestellte Geräth, das seiner Breite nach sicher kein
Stuhl, auch natürlich kein Tisch, sondern die Schmalseite eines Bettes
ist, einigermassen angedeutet sein, und die am rechten Ende unver-
kennbar wiederkehrende Figur des Odysseus welche ihrer künst-
lerischen Verwendung nach überleitet und die innere Beziehung
der geschiedenen Hälften geradezu verdeutlicht, kann in jener
Erwartung weiter bestärken. Einen bestimmten Moment der epi-
schen Erzählung wüsste ich allerdings der Scene nicht anzupassen.
Allein abgesehen von ihrer Fortbildung im attischen Drama die eine
Veränderung auch der bildlichen Fassung nach sich ziehen konnte,
steht ja der griechischen Kunst, auch da wo sie sich ganz von
Homer inspirirt, der Geist des Stoffes unendlich höher als der Buch-
stabe der Ueberlieferung, da es ihr stets darauf ankommt, den Dichter
nicht in ihre Sprache zu übersetzen sondern in ihrer Sprache mit
ihm zu wetteifern. Klar springt auch der Grund für eine abwei-
chende Behandlung hervor. Einen der schönsten Züge in der Oeko-
nomie des dichterischen Bildes der Penelope — dass sie schläft
während das grauenhafte Geschick der Freier sich vollzieht, und
somit unberührt von dieser Härte die mit allem Bösen der Ver-
gangenheit wie ein Traum von ihr genommen wird, in den hellen
reinen Tag ihres wiedergeschenkten Glückes erwacht — konnte
der bildende Künstler sinnfällig nicht zu gleicher Geltung erheben.
Ihm war es versagt den Schlaf zu motiviren, wie die fortlaufende
Erzählung es vermochte, das Bild einer Ruhenden würde missver-
ständliche Auffassungen zugelassen und kaum mehr als Entwicke-
lung blosser Anmuth erlaubt haben. Activ den ausstrahlenden Adel
ihrer ganzen Erscheinung musste er für jenen Zug einsetzen, wenn
er einen gleichen Eindruck auf Gemüth und Phantasie erreichen

Archäologisch-epigraphische Mitth. VI.
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