Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

Seite: 211
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Fascenbündels durch Umschnürungen zusammengehalten werden,
haben die beiden langen Friesstreifen an zwei Stellen, im Anfange
links und in der Mitte gewissermassen eine verticale Querverbindung
erhalten. Während in den Schlachtscenen zu beiden Seiten der
Stadt die oberen Kampfreihen durch die horizontale Zwischenfuge
von den unteren getrennt erscheinen und bei gleicher Höhe cfer
Figuren in sich abgeschlossen verlaufen, so dass man aus dem
blossen Uebereinander der Darstellung nur durch Reflexion die Vor-
stellung eines in perspectivischer Tiefe gedachten Kampfplanes ge-
winnt, reichen die Schiffsschnäbel in der Ecke linkerhand in schönen
grossen Curven aus den untern Steinlagen in die obern bis hart
unter die Deckplatten herauf; desgleichen sind in der belagerten
Stadt die Mauern und Thürme mit ihren Bekrönungen über die
horizontale Zwischenfuge hinweggeführt und die Handlung der unten
angebrachten Angreifer und der oben befindlichen Vertheidiger der-
gestalt in Beziehung zu einander gesetzt, dass ein einheitliches
Höhenbild resultirt, in dem es auch an merkwürdig detaillirten An-
deutungen von Perspective nicht fehlt.

In den Hauptzügen der ganzen Anordnung scheint sich eine
bestimmte künstlerische Intention aussprechen zu wollen. Eine
Flotte die ein Griechenheer gelandet hat, die Schlacht die sich von
ihr bis zu den Mauern einer Stadt entspinnt, ein betagter Herrscher
der über ihren Zinnen thront und eine schöne Frau die an höchster
Stelle eigenthümlich hervorgehoben über die Reihen der Vertheidiger
hin wegblickt, erwecken zumal wenn man von den Scenen der
Odyssee herkommt, die Vorstellung, dass der trojanische Sagenkreis
zu Grunde liege, wie denn der Geist, der in dem Ganzen durch-
herrscht, unleugbar in die Stimmung einer bildlichen Ibas versetzt.
Die anschliessende Amazonenschlacht würde im Gedanken an die
Aithiopis mit der Ankunft der Amazonen vor Ilion und dem Kampfe
der Penthesileia mit Achill sich sachlich wohl in Einklang damit
bringen lassen und manche Einzelheiten können sogar schlagende
Bestätigungen zu bieten scheinen. Anderes beirrt indessen wieder
und widerspricht theilweise so bestimmt, vor Allem wäre im Ein-
zelnen wie im Ganzen ein so wunderbares Herausfallen aus aller
Tradition und Typik der künstlerischen Stoffgestaltung zu constatiren,
dass jedesfalls von einer einleuchtenden Sicherheit jener Auffassung
nicht wohl die Rede sein kann. Immerhin mag sie, nachdem sie
wiederholt von uns erwogen wurde, wie sie denn auch hier in Wien
bei einer ersten Betrachtung Sachkundigen ohne Weiteres allein zu-

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