Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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gebeugt; mit der einen Hand an den Wagenrand sich anhaltend
steht beidemale neben ihm ein Jüngling mit spitzer Mütze, der ein
sich sträubendes mit Kopf und Armen zurückstrebendes Mädchen
im Arm hält. Die Räuber haben mit ihrer That den ganzen Ort in
Aufruhr versetzt; von allen Seiten stürzen ihnen Bewaffnete nach,
die mit Schwert oder Lanze oder mit einem zum Wurf erhobenen
Stein sie zu erreichen suchen: unter ihnen in jeder Reihe ein jugend-
licher Reiter mit Chlamys und Petasos auf galloppirendem Pferde.

Ueber die Deutung des Ganzen kann kein Zweifel sein. Alle
Züge des Bildes erklären sich durch die Leukippidensage, deren
berühmteste Darstellung Polygnot in einem Gemälde des Anakeion
in Athen geschaffen hatte, für die man angesichts der ausgespro-
chen malerischen Haltung der ganzen Composition hier zuerst unter
allen erhaltenen Monumenten hoffen kann Anhaltspunkte zu finden.
Wie mit ähnlicher Deutlichkeit namentlich das Bild der Meidias-
vase ausführt, rauben die beiden Dioskuren Kastor und Pollux
die schönen Töchter des Leukippos, Hiläira und Phoibe, aus dem
Heiligthum einer weiblichen Gottheit, in welchem die Schwestern
und Gespielinnen der Geraubten gegenwärtig sind. Wie dort, und
wie überhaupt in den älteren Darstellungen, die ihre Entstehung in
der Glanzzeit der hippischen Agone nicht verleugnen, vollzieht sich
die Entführung auch hier zu Wagen. Nach der Sage fand die
Entführung an dem Tage statt, als die Leukippiden ihren beiden
Verlobten, den Söhnen des Aphareus, Lynkeus und Idas, vermählt
werden sollten, und setzten die Aphariden den Räubern nach bis
zum Grabe ihres Vaters, wo sich ein Kampf entspann. So erklärt
sich denn das Opfer, der Chor der klagenden Mädchen, die prie-
sterliche Gestalt des Betenden als des Vaters Leukippos und zwischen
ihm und dem geängsteten Kinde die verzweifelnde Mutter Philodike.
Den forteilenden Gespannen jagen aber die Aphariden zu Pferd
nach, wie in den schönen Versen des Theokrit (XXII 136 folg.),
denen die ganze linke Hälfte der Darstellung wie eine Illustration
beigesetzt werden könnte:

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eyxecri Kai Koi\oiai ßapuvö|uevoi aaKeeaaiv.
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