Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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tung und jedenfalls aufschlussgebend für die Art und Weise der
Entstehung ist. Die an Ort und Stelle berufenen Künstler fanden
eine grosse Aufgabe vor, die zu verzierenden Wände waren lang
und die Reliefs werden nach ihrem räumlichen Ausmasse honorirt
worden sein. Auch bei zahlreicher Betheiligung war die Arbeit
nicht auf einen Anlauf zu vollenden, sondern dürfte Jahre erfordert
haben, und das Leben auf jenen von griechischer Cultur abgeschie-
denen Höhen brachte die Entbehrungen eines halben Exils mit sich.
Ohne beständig neue Sättigung des Auges, wie die ausführende
Hand sie doppelt für ein lange beschäftigendes Werk bedarf, ohne
den Sporn der stolzen Vorstellung für eine Menge von Einsichtigen,
welche zu sehen verstanden und zu vergleichen in der Lage waren,
und frisch in ein bestehendes lebendiges Ganze hinein zu schaffen,
mögen die mit der Bestellung Betrauten oft ihre Gebundenheit
empfunden und ein Ende der Arbeit herbeigesehnt haben. Nichts
verzeihlicher also, dass sie ohne vieles Wählen hergaben, was sie
an Vorwürfen besassen und in der Durchführung eine Gleichmässig-
keit des Fleisses nicht bewiesen, die ihnen als Griechen ohnehin
nicht im Blute lag. Denkt man sich aus eigener Anschauung der
Oertlichkeit, deren überzeugende Kraft auch die lebendigste Be-
schreibung nicht zu vermitteln vermöchte, in ihre eigentümliche
Lage, so staunt man vielmehr über das was sie vollbrachten; in
ihrer Leistung erwärmt noch heute das herrliche innere Feuer,
welches productiven grossen Epochen eigen ist, die ganze Idealität
der griechischen Kunst, welche geduldig ihre Wunder hinschrieb,
wo Zufall oder Bestimmung sie hinführte.

Gewisse Verschiedenheiten in Anlage und Ausführung, worin
sich das Zusammengehen verschiedener Hände verräth, springen
sofort in die Augen und sind als Merkwürdigkeit namentlich oft
und übereinstimmend von Künstlern welche die Originale besich-
tigten herausgefunden worden. Das Proportionssystem der Figuren
des Freiermordes beispielsweise ist ein völlig anderes als dasjenige
der unmittelbar darunter stehenden Figuren der Meleagerjagd, und in
beiden Stücken ist auch die Gewandbehandlung ersichtlich ab-
weichend. Die schlankeren Gestalten der Meleagerjagd wiederholen
sich in der Stadtbelagerung, sehr deutlich dann auch in der schönsten
Platte der Amazonomachie, während in der grossen Griechenschlacht
wieder ähnlich untersetzte Verhältnisse mit ungefällig grossen Köpfen
wie in den Odysseedarstellungen auftreten. Da ein grosses Material
zur Vergleichung unter sich vorliegt, werden ohne Zweifel auch
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