Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 6.1882

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andere feinere Unterschiede sich im Laufe der Zeit überzeugend
geltend machen. Aber alle diese Differenzierungen treten als etwas
Untergeordnetes zurück gegenüber dem allgemein auszeichnenden
attischen Charakter, welcher dem Monument einheitlich in allen
seinen Theilen aufgeprägt ist. Er bekundet sich in der Wahl der
Gegenstände, vor Allem der Theseusthaten, des Kampfes der Athener
mit den Amazonen, der Kentauromachie und anderer Stoffe, welche
die attische Kunst des fünften Jahrhunderts mit Vorliebe behan-
delt, typisch ausgestaltet und für alle Folgezeit gross und berühmt
gemacht hat. Er ist verfolgbar in Geist und Leben der Compo-
sition, in zahlreichen Einzelmotiven, welche als Entlehnungen Va-
rianten Weiterbildungen aus dem grossen Flusse künstlerischer Pro-
duction geschöpft sind, den uns die Friese der erhaltenen Haupt-
bauten, des Theseion, des Niketempels, des Parthenon, des Apollo-
tempel von Phigalia vergegenwärtigen, verfolgbar ferner in der
Behandlung des Reliefs, in der Zeichnung der Pferde, und würde
sicher auch an dem letzten sprechendsten Merkmale, in der künst-
lerischen Handschrift der Arbeit allgemeiner zu Tage treten, wenn
die Erhaltung der Details für Beobachtungen dieser Art nicht so
oft versagte. Angesichts einer Figur wie der Penelope und namentlich
ihrer im Rücken stehenden Dienerin, oder vor dem Zweikämpfer-
paare links oben neben der Stadtbelagerung, an dem die vollste
Frische Schärfe und Feinheit der Durchbildung tastbar geblieben
ist, sehe ich Nichts was der Annahme rein attischen Ursprunges
ernstlich entgegenstünde. Sollten die ausführenden Künstler andere
Griechen gewesen sein, so sind sie wenigstens für uns zunächst
wie Athener, hatten der attischen Schule sich angeschlossen, in
Attika gelernt und gelebt und mit dem besten Gut ihrer Lehrjahre
die Herrlichkeiten Athens in eine ferne Welt getragen. So gut wie
ausgeschlossen scheint mir sie als Lykier zu denken, wie man
dies für die unbekannten Urheber des Nereidenmonumentes zu thun
versucht hat, um das Nebeneinanderstehen attischer und nicht atti-
scher Elemente an demselben zu erklären. In den Ueberlieferungen
der griechischen Künstlergeschichte fehlt jeder Hinweis auf die Mög-
lichkeit eines solchen Verhältnisses, und im Lande selbst gebrach
es, von dem Gesteine der Berge an bis zu den geistigen Factoren
der Lebenshaltung, Bildung und Gesittung der Bewohner, an allen
Elementen, welche das Entstehen einer einheimischen Kunst hätten
bedingen und fördern können.

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